Violetta

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~ 10 Minuten Vorlesezeit

von Tobias Müller

Violetta mochte zwei Dinge besonders gerne: Zum einen die Farbe Lila. Fast alles, was sie besaß, war lila. Lila Hosen, Röcke und Schuhe. Lila Schränke und ein lila Bett. Sie hatte sogar lila Haare.

Doch ausgerechnet die zweite Sache, die Violetta so gerne mochte, gab es nicht in ihrer Lieblingsfarbe: Eiscreme. Eiscreme war rot, weiß, gelb, dunkelbraun, hellbraun, rosa, grün und manchmal sogar blau. Aber sie war nie lila.

Das führte zu doofen Situationen. Denn wenn Violetta zu der Eisdiele um die Ecke ging, um sich eine Kugel Eis zu holen, stand sie häufig vor den verschiedenen Sorten und war ratlos. Sie blickte auf all die Farben vor ihr und weil es kein lila Eis gab, wusste sie einfach nicht, welches sie kaufen sollte. So stand sie da, konnte sich nicht entscheiden und das ging so lang, bis die Leute hinter ihr in der Schlange anfingen, genervt auszuatmen. Wenn Sie sich dann doch entschieden hatte und ihr Eis in der Hand hielt, schmeckte es natürlich trotzdem, schließlich war es Eiscreme. Aber die ganze Wartezeit, die genervten Leute hinter ihr – all das würde wegfallen, wenn es denn nur lila Eiscreme geben würde.
Also fasste sie eines Tages eine Entscheidung: Sie würde lila Eis herstellen. Wenn es sonst niemand tat, musste sie es eben selbst machen.

violettaDoch aus was konnte man lila Eis denn machen? Braunes Eis war zum Beispiel aus Schokolade, rotes Eis aus Himbeeren, gelbes Eis aus Zitronen. Aus was war also lila Eis? Offensichtlich, dachte sich Violetta, musste das Eis aus lila Zutaten hergestellt werden. Also warf sie sich ihren Rucksack über die Schultern und ging in den Supermarkt. Da würde sie schon finden, was sie suchte.

Der Supermarkt hatte tatsächlich eine riesige Obst- und Gemüse-Abteilung und Violetta fand lila Zutaten: Rotkohl (der entgegen seines Namens viel eher lila war als rot), lila Pflaumen und zu ihrer Überraschung gab es sogar lila Karotten. Sie hatte auch eine Aubergine in der Hand, aber das lila war so dunkel, dass es fast schon schwarz war, und sie ließ die Aubergine liegen. Den Rest packte sie in ihren Rucksack um daheim Eis daraus zu machen. Dazu nahm sie noch Blaubeeren und Himbeeren mit, denn die mochten ihre Eltern besonders gerne und schließlich bezahlten die diesen Einkauf.

Als Violetta nach Hause kam, ging sie direkt in die Küche und fing an, das viele Obst auszupacken, um es vorzubereiten. Violettas Eltern hatten zum Glück eine Eismaschine und Violetta wusste prinzipiell, was sie tun musste, als sie wieder Zuhause angekommen war: Sahne und Zucker und Milch im richtigen Verhältnis mischen und mit dem richtigen Obst oder Gemüse pürieren. Als erstes holte sie die lila Pflaumen aus dem Rucksack und fing an, die großen Kerne zu entfernen. Doch schon bei der ersten Pflaume war sie schwer enttäuscht. Auch wenn die Pflaumen außen lila waren, innen waren sie ganz gelb. Daraus konnte man kein lila Eis herstellen, das war offensichtlich. Enttäuschend stellte sie die restlichen Pflaumen in die Ecke und fing an den Rotkohl, der eigentlich Lilakohl heißen sollte, zu schneiden.

Doch auch der sah innen ganz anders aus, als Violetta vermutet hätte. Das große Runde Ding fühlte sich von außen zwar hart an wie ein Apfel, bestand aber aus vielen einzelnen Blättern, die übereinander gelegt waren. Ein bisschen wie ein Salatkopf. Das führte dazu, dass man mit einem Schnitt dutzende kleine Stücke aus dem Kohl löste. Violetta nahm eines der Stücke und schob es sich in den Mund. Es schmeckte grausig. Violetta hatte noch nie Rotkohl zubereitet und wusste nicht, dass man ihn kochen musste, damit er schmeckte. Also stellte sie den Rotkohl zu den außen-lila-aber-innen-gelb-Pflaumen in die Ecke der Enttäuschung.

Dann also die Karotten. Sie beugte sich zu ihrem Rucksack und langte ein letztes Mal hinein. Doch bevor sie die Karotten erreichte, bekam ihre Hand die Heidelbeeren und die Himbeeren zu fassen. Violetta hatte die Beeren für ihre Eltern ganz vergessen und ärgerte sich jetzt, dass sie ganz matschig waren. Violetta hatte den Rotkohl darauf gelegt. Um keine Sauerei in der Küche zu machen, holte sie einen weißen Teller aus dem Schrank und legte das weiche Obst darauf. Da konnte sie sich später drum kümmern und zermatschte Beeren aussortieren. Jetzt ging es erstmal an die Karotten. Sie wollte ihr lila Eis.
Tatsächlich ließen sich die Karotten besser schneiden als der Lilakohl und waren innen genauso lila wie außen. Und als Violetta sie probierte schmeckten sie ganz normal nach Karotten und nicht eklig. Also machte sie sich ans Werk, mischte die restlichen Zutaten der Eiscreme zusammen und pürierte es mit den Karotten. Eine Art dickflüssige, lila Milch entstand, die sie dann in die Eismaschine kippte und die 10 Minuten später zu einer cremigen, kalten Masse geworden war. Violetta hatte lila Eiscreme hergestellt!

Sie konnte es kaum erwarten, ihre Schöpfung auch zu probieren. Die zwei Dinge, die sie am liebsten mochte auf der Welt, waren endlich zusammengekommen. Eiscreme und die Farbe Lila. Sie öffnete die Schublade, nahm sich einen Löffel, tauchte ihn in die cremige Masse und schob ihn in ihren Mund. Das Eis schmolz auf ihrer Zunge, der Geschmack breitete sich aus in ihrem Mund – und es dauerte keine Sekunde, da hatte sie das Eis schon in die Spüle gespuckt. Es schmeckte widerlich.

Wobei, widerlich war vielleicht das falsche Wort. Es schmeckte nach Karotten mit Eiscreme. Das war an sich keine große Überraschung, aber Violetta war nicht bewusst gewesen, dass Karotten und Eiscreme zwei Dinge waren, die schlicht nicht zusammenpassten. Jetzt wusste sie es.

Traurig schaute sie auf die lila Creme vor sich, die langsam anfing zu schmelzen. Es sollte wohl nicht sein, lila Eiscrema verstieß wohl gegen irgendwelche Gesetze, die sie nicht verstand. Sie setzte sich auf den Küchenboden, umarmte ihre eigenen Knie und sah traurig auf den Boden.

Der Küchenboden bestand aus weißen Fliesen, die sich super abwischen lassen. Ihre Eltern beschwerten sich trotzdem häufig über die Farbwahl. Man würde dort sofort ‚jeden Dreck‘ sehen. Doch für Violetta war die weiße Farbe heute ein großer Vorteil. Denn als ihr Blick über die Fliesen wanderte, stach links von ihr ein lila Fleck heraus. Er sah aus wie ein Tropfen Saft.

Sie sah sich um, woher dieser Fleck wohl gekommen sein könnte und fand schnell den Verursacher: von dem Teller, auf den sie davor die angematschten Himbeeren und Blaubeeren gestellt hatte, tropfte eine lila Flüssigkeit. Sie stand auf und sah sich das Rätsel genauer an. Dadurch, dass sowohl Himbeeren als auch Blaubeeren unter dem schweren Rotkohl in der Tasche gelegen waren, waren einige Beeren kaputt gegangen und gaben Saft ab. Der Saft der Himbeeren war rot und der Saft der Blaubeeren blau. Violetta ging ein Licht auf. Das hatte sie doch schonmal irgendwo gelernt. Wenn man blau und rot mischt, dann ergibt das lila! Und wenn der Himbeersaft und der Blaubeersaft sich vermischten, dann kam dabei lila Saft heraus. Das gilt dann bestimmt auch für Eiscreme!

Euphorisch mischte sie erneut Milch, Zucker und Sahne zusammen, gab die Blau- und Himbeeren dazu und pürierte das Ganze. Dann schüttete sie die Masse in die Eismaschine. Ein paar Minuten später, sie konnte es kaum abwarten, war das Eis dann soweit. Den Löffel schon die Hand haltend öffnete Violetta den Deckel der Maschine und sah auf das Ergebnis. Das Eis war lila.

Violetta stieß den Löffel hinein und schob sich die kalte, lila Masse in den Mund. Das Eis zerging ihr auf der Zunge, der Geschmack verteilte sich in ihrem Mund. Es schmeckte fruchtig-süß und gleichzeitig ein bisschen säuerlich. Es war lecker. Sie hatte es geschafft. Lila Eis, das schmeckte. Sie sprang in der Küche hin- und her, weil sie sich so freute, und zwischendrin gönnte sie sich immer mal wieder einen Löffel ihrer Kreation.

Als sie fertig war mit diesem kleinen Anfall der Freude, nahm sie sich zwei Schüsseln aus dem Schrank und füllte die mit der frisch hergestellten Eiscreme. Dann ging sie aus der Küche und suchte ihre Eltern, um ihnen die Schüsseln mit dem Eis aus ihren Lieblingsfrüchten zu geben. Nachdem sie deren Him- und Blaubeeren dafür hergenommen hatte, fand sie es nur fair, dass sie sie jetzt mit dem Eis überraschte. Violetta machte das nichts aus. Schließlich konnte sie sich jederzeit frisches Eis herstellen. Sie wusste ja jetzt wie.


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