Sophie und die Sterne

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Vorlesezeit ~ 8 Minuten

von Tobias Müller

Sophie war sehr schüchtern. Sie war so schüchtern, dass sie es kaum schaffte, mit anderen Menschen zu reden. Sie traute sich nicht jemanden anzusprechen und wenn jemand mit ihr redete schaute sie oft betreten auf den Boden und ihre Stimme wurde zu einem leisen Quieken. Deswegen hatte Sophie nicht viele Freunde und machte viele Sachen alleine. Einer ihrer liebsten Orte, wenn sie alleine war, war das Planetarium. Hier saß sie in den bequemen roten Stühlen und sah über sich die Sterne leuchten und die Planeten in ihren Bahnen kreisen. Dazu erzählte eine tiefe Stimme Geschichten vom Universum. Sophie war oft hier im Planetarium, denn sie liebte die Sterne.

Eines Tages verließ sie das Planetarium und obwohl es nicht spät war, war es schon dunkel – wie das oft ist im Winter. Der Himmel war klar und sie beschloss noch auf einen Hügel im Park um die Ecke zu gehen, von dem aus sie am liebsten die Sterne beobachtete. Ihre Eltern hatten kein Problem damit, wenn sie alleine unterwegs war, solange sie zur ausgemachten Zeit nach Hause kam. Sophie glaubte, dass ihre Eltern hofften, dass sie an der frischen Luft früher oder später Freunde findet. Doch bisher war das nicht passiert. Sie war einfach zu schüchtern.

Sophie und die Sterne - Helmut
Helmut schaut durch sein Teleskop – Illustration: Veronika Grenzebach

Als sie an dem Hügel ankam sah sie, dass dort bereits ein Mann stand. 50 Meter vorher blieb sie deshalb stehen. Grimmig musterte sie den Mann aus der Entfernung. Sie wollte ihren Hügel mit niemandem teilen! Der Mann war sehr groß und schlank und machte etwas, das Sophie nicht ganz verstand. Er schien, soweit sie es in der Dunkelheit erkennen konnte, drei lange Stöcke in der Hand zu halten. Diese Stöcke stellte er wie ein Indianerzelt auf den Boden, so dass sie unten relativ weit auseinander standen aber die Spitzen sich berührten. So wie viele Leute die Stöcke in einem Lagerfeuer stapeln. Dann holte er etwas aus einer Tasche, die hinter ihm auf dem Boden stand. Es war so lang wie Sophies Arm und auf einer Seite breit und auf der anderen schmal. Dieses Ding platzierte der Mann nun oben auf den Enden der Stöcke. Jetzt dämmerte Sophie, dass es gar keine Stöcke waren, sondern ein Stativ, das der Mann aufgebaut hatte. Ihr Papa stellte sowas immer im Urlaub auf und schraubte die Kamera drauf, um Fotos zu schießen, die nicht verwackeln. Aber das längliche Ding war keine Kamera… Sophie ging aus lauter Neugier trotz ihrer Schüchternheit weiter auf den Hügel und den Mann zu, als der sich runter beugte und eins seiner Augen an die Röhre hielt. Und dann begriff Sophie, was das für ein komisches Ding war. Es war ein Teleskop! Sie hatte die Sterne noch nie durch ein Teleskop gesehen.

Sofort vergaß sie ihre Schüchternheit und rannte auf den Mann zu. In Rekordzeit stand sie neben ihm. Er hatte braune Haare hatte, die zwar kurz waren, aber trotzdem ungekämmt wirkten. Im Gesicht standen ihm Bartstoppel und sein Mantel war beige und dreckig. Er war sehr dünn und sehr groß, viel größer noch, als Sophie es aus den 50 Metern vermutet hatte. Sie reichte ihm nicht viel weiter als bis zur Hüfte.

Doch als sie bei ihm angekommen war passierte nichts. Sie wollte auch mal durch das Teleskop schauen und wartete gespannt neben ihm. Der große, dünne Mann aber schaute konzentriert in sein Teleskop, blickte kurz davon auf, drehte an ein paar Rädern und schaute dann wieder hinein. Zwischendurch seufzte er immer wieder. Aber er bemerkte sie nicht. Er schien sehr konzentriert.

Sie beobachtete das eine ganze Zeit lang, doch bald konnte sie nicht mehr warten. Zwar traute sie sich immer noch nicht ihn anzusprechen, aber sie umfasste einen Zipfel seines Mantels, holte tief Luft um Mut zu sammeln und zog daran. Doch er reagierte nicht. Hatte sie nicht fest genug gezogen? Sie versuchte es nochmal, diesmal mit ein bisschen mehr Kraft. Der Mann schien etwas bemerkt zu haben, denn er machte ein genervtes Geräusch. Doch dann wedelte er nur mit seiner Hand nach hinten ohne aufzuschauen, so als wollte er eine Fliege verscheuchen. Er schien sehr in Gedanken zu sein. Sophie atmete noch einmal tief durch und zog so fest an dem Mantel des dünnen Mannes, wie sie konnte.

Diesmal hatte es funktioniert. Der Mann richtete sich auf und schaute sie an. Sein Blick war nicht böse, obwohl sie so fest an seinem Mantel gezogen hatte. Er wirkte eher verwirrt. So wie jemand, den man gerade mitten in einem Traum aufgeweckt hatte, und der nicht genau wusste wo er war. Er stand nur da, war wahnsinnig groß, und schwieg. Sophie hatte in ihrem Leben noch nie jemanden angesprochen, aber nachdem sie gerade schon an seinem Mantel gezogen hatte, war das wohl der nächste Schritt.

„Darf ich mal durch Ihr Teleskop schauen? Bitte?“ Sophie gab sich alle Mühe ihre Stimme kraftvoll und verständlich klingen zu lassen. Doch heraus kam nur ein leises Quieken, wie so oft.

„Wie bitte? Das habe ich nicht verstanden. Du musst lauter sprechen“, sagte der Mann. Seine Stimme war überraschend tief.

Erneut holte Sophie tief Luft. Das half ihr immer ein bisschen zur Ruhe zu kommen.

„Ich liebe den Sternenhimmel, aber habe noch nie durch ein Teleskop geschaut. Darf ich mal bitte durch ihres schauen?“

Diesmal klang ihre Stimme lauter und klarer und das Gesicht des Mannes hellte sich auf, als hätte er gerade eine schwierige Textaufgabe in Mathe verstanden.

„Ja, natürlich!“, sagte er. „Ganz schön mutig, einfach so einen fremden Erwachsenen anzusprechen. Ich hätte das nicht gekonnt. Ich bin sehr schüchtern.“ Er streckte ihr seine Hand entgegen und stellte sich vor. „Ich bin Helmut.“

Sophie schüttelte die Hand stolz und musste lächeln. „Ich bin Sophie.“

Dann wollte sie auch direkt einen Blick durch das Teleskop werfen, doch obwohl Helmut sich sehr hatte bücken müssen um durch zu schauen, war das Teleskop für Sophie immer noch zu hoch und sie konnte das Guckloch nicht erreichen.

„Können wir das Teleskop niedriger stellen?“, fragte sie.

„Tut mir leid, verstellen können wir das nicht, ich habe das gerade millimetergenau auf ein Ziel eingestellt. Aber ich habe eine Idee.“

Dann ging Helmut auf alle Viere, und sagte Sophie mit den Händen und Knien im Gras, sie solle auf seinen Rücken steigen. Die traute sich zunächst nicht, doch Helmut versicherte ihr, das sei in Ordnung.

„Der Mantel ist sowieso schon so dreckig, da machen ein paar kleine Fußabdrücke auch keinen Unterschied mehr. Rauf mit Dir. Wenn Du am Teleskop nichts verstellst, dann siehst Du gleich etwas Fantastisches.“

Sophie stieg zögerlich auf Helmuts Rücken und blickte durch das Teleskop. Ihr Mund klappte auf vor Staunen. Was sie sah hatte sie schon oft im Planetarium gesehen, aber jetzt sah sie es zum ersten Mal mit ihren eigenen Augen. Sie musste sich zurückhalten nicht vor Freude auf Helmuts Rücken rumzuspringen.

„Der Mars!“, schrie sie voller Freude. „Das ist der Mars!“

„Sehr gut, du kennst Dich aus!“, lobte Helmut sie. „Geh runter von meinem Rücken, dann zeig ich Dir was anderes.“

Sophie stieg vorsichtig von Helmuts Rücken. Der stand auf, blickte durch das Teleskop und drehte immer wieder konzentriert an manchen Rädchen. Irgendwann nickte er zufrieden, ging wieder auf alle Viere und Sophie kletterte auf seinen Rücken. Sie blickte durch das Teleskop und kreischte ganz ungewollt.

„Das ist der Pferdekopfnebel!“ Diesmal sprang sie vor Freude tatsächlich kurz in die Luft und vergaß, dass Helmuts Rücken unter ihr war. Doch der große Mann lachte nur.

Und so ging das eine ganze Weile. Helmut stellte das Teleskop ganz genau auf einen Ort im Himmel ein und lies dann Sophie auf seinen Rücken steigen, damit sie es auch sehen konnte.

„Wie spät ist es?“, fragte Sophie irgendwann

Helmut war gerade dabei, das Teleskop neu auszurichten. Er blickte kurz auf seine Armbanduhr und sagte: „Halb acht.“

Sophie erschrak. Ihr kam es vor als wären gerade einmal zehn Minuten vergangen, seitdem sie an Helmuts Mantel gezogen hatte.

„Ich hätte vor einer halben Stunde zuhause sein sollen!“, sagte sie.

„Oh tut mir leid. Das wusste ich nicht.“

„Das ist nicht Deine Schuld. Aber ich muss wirklich los! Sonst machen sich meine Eltern Sorgen.“

Sie hielt Helmut ihre Hand hin und der schüttelte sie.

„Ich bin öfter hier.“, sagte er. „Fast jeden Sonntag wenn es dunkel ist und der Himmel klar ist.“

Sophie lächelte und fing dann an zu rennen, um so schnell wie möglich nach Hause zu kommen. Sie hoffte, dass ihre Eltern nicht allzu böse sein würden. Aber allzu schlimm würde es schon nicht werden. Schließlich hatte sie heute endlich einen Freund kennengelernt.

Und darauf konnten ihre Eltern ja gar nicht böse sein.

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