Nico und der Baum

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~ 6 Minuten Vorlesezeit

von Tobias Müller

Zur Weihnachtszeit leuchten viele Augen besonders hell. Kein Wunder, denn auch wenn es draußen kalt und nass ist, so ist es drinnen oft wohlig warm. Dazu kommen Weihnachtslichter, Süßigkeiten und natürlich Geschenke. Doch nicht nur Menschen freuen sich zu dieser Zeit des Jahres.

Ein bestimmte Kater zum Beispiel freute sich jedes Jahr ganz besonders, wenn es draußen kalt wurde und er wusste, dass Weihnachten näher rückte. Dieser Kater hieß Nico. Nico freute sich aber nicht auf Geschenke, Lichter oder Süßigkeiten. Nein, Nico freute sich auf den Baum, der jedes Jahr zu Weihnachten neu aufgestellt wurde.

Denn sobald der Baum stand war er Nicos Spielplatz. Er klettere ihn rauf, um von oben das ganze Wohnzimmer überblicken zu können, und raste ihn in einem Affenzahn nach unten, wenn er etwas Interessantes am Boden sah. So ging das oft mehrmals am Tag.

Nico hatte natürlich auch viele andere Spielzeuge und auch einen eigenen Kletter- und Kratzbaum – aber nichts davon war auch nur annähernd so spannend wie dieser Baum. Die Menschen in seiner Wohnung hatten sich darauf eingestellt und befestigten den Baum jedes Jahr mit zwei zusätzlichen Schnüren an der Wand, so dass Nico ihn auch mit den kraftvollsten Sprints rauf und runter nicht umwerfen konnte.

Auch dieses Weihnachten freute sich Nico seit dem Moment auf den Baum, an dem der erste Raureif die Grashalme vor der Terrasse weiß gefärbt hatte. Doch als der Baum eigentlich hätte kommen sollen, kam er nicht. Natürlich hatte Nico keinen Kalender und keine Uhr, er war ja ein Kater. Aber er konnte mit Hilfe des Wetters doch ganz gut abschätzen, wann die Menschen anfingen sich anders zu verhalten. Wann sie bunte Eier im Garten zu versteckten, wann die Menschen in seiner Wohnung anfingen einen Kuchen zu backen und sich komische Hüte aufzusetzen und eben wann es Zeit war, dass ein Baum aufgestellt wurde.

Doch auch Wochen, nachdem Nico angefangen hatte den Baum zu vermissen, war das Wohnzimmer noch immer leer. Dasselbe galt für die Terrasse, auf der der Baum normalerweise schon Wochen vor dem Aufstellen gelagert wurde. Seltsam verpackt in einem Netz, die Äste eng aneinandergedrückt. Typisch menschlich, Sachen zusammen zu quetschen, bevor man sie benutzte, dachte Nico. Die Menschen in seiner Wohnung quetschten schließlich sogar das Essen zusammen und packten es in Dosen, bevor sie es ihm servierten. Doch dieses Jahr war dieser zusammengequetschte Baum eben nicht da. Und das war nicht alles, Nico waren noch mehr Dinge aufgefallen, die anders waren als sonst. Zum Beispiel, dass es in der Wohnung kälter war als früher. Oder dass das Gesicht des einen Menschen ganz oft nass war, wenn er sich auf dessen Brust legte. Oder dass er den anderen Menschen, der früher oft hier war, schon ganz lange nicht gesehen hatte.

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Nico ist traurig ohne Baum – Illustration: Veronika Grenzebach

Nico war sich sicher, dass sein Mensch den Baum nur vergessen hatte und nur daran erinnert werden musste ihn aufzustellen. Deswegen setzte er sich zum Beispiel an die Stelle, an der der Baum fehlte, und miaute so oft und so lang er konnte. Doch der Mensch sah Nico nur an, stand auf und kippte ihm Futter aus einer Dose in seine Schüssel. Das war allerdings nicht, was Nico wollte. Er aß das Futter zwar auf und es schmeckte ihm und als er fertig war wollte er noch mehr – aber es war trotzdem nicht, was er eigentlich wollte.

Eines Tages, als Nico wieder an der Stelle saß, an der der Baum sein sollte, schaute er aus dem Fenster. Draußen wurde es langsam dunkel und es schneite. Große, schwere Flocken fielen langsam vom Himmel. Er konnte die Menschen, die über seiner Wohnung wohnten, singen hören. Er mochte es überhaupt nicht, wenn Menschen sangen, das hörte sich für ihn immer schief und schräg an. Aber es war ihm neu, dass es auch der Mensch in seiner Wohnung nicht mochte. Er lag auf der Couch und fing an sich ein Kissen an die Ohren zu halten, sobald er den Gesang hören konnte. Dazu drehte er sich auf die Seite.

Nico miaute laut. Das machte er natürlich, um den Gesang zu übertönen. Doch erneut verstand sein Mensch ihn falsch, stand auf und ging zu dem Schrank, in dem er Nicos Essen aufbewahrte.

Nico ärgerte sich kurz über dessen Begriffsstutzigkeit, schließlich hatte er gedacht sie könnten gemeinsam daran arbeiten, dass diese Menschenmusik aufhörte. Gleichzeitig freute sich aber darauf, dass es etwas zum Essen gab. Nico freute sich immer über Essen. Er lief hinter seinem Menschen her und beobachtete mit großen Augen, wie der die Futterdose aus dem Schrank holte. Gerade als er sie öffnen wollte, klopfte es an der Wohnungstür. Er stellte die Dose mit dem Essen ab und ging in Richtung Tür, während Nico das Essen nicht aus den Augen ließ.

Stimmen begrüßten sich an der Tür, riefen freudig etwas zu, das Nico nicht verstand, von dem er aber wusste, dass Menschen das zu dieser Zeit des Jahres zueinander sagten. Er erkannte die Stimmen wieder, die sprachen. Es waren dieselben Stimmen, die eben noch über ihnen gesungen hatten. Nico versuchte das Treiben an der Tür zu ignorieren und interessierte sich immer noch für die Dose voller Futter, die sein Mensch auf der Anrichte stehen gelassen hatte.

Doch dann roch seine feine Katzennase etwas. Es roch nach Erde, aber gleichzeitig frisch. Nach Natur und trotzdem nach warmem Wohnraum. Konnte es sein? Er drehte sich von seinem Futter weg und sah die Gruppe Menschen an der Tür, die sich gerade gegenseitig umarmten. Und einer dieser Menschen hatte das in der Hand, worauf Nico das ganze Jahr gewartet hatte. Den Baum! Er hatte richtig gerochen.

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Nico freut sich, dass es vielleicht doch einen Baum gibt – Illustration: Veronika Grenzebach

Die Gruppe zog ihre Schuhe aus, alle gemeinsam gingen sie in das Wohnzimmer und stellten den Baum genau dort auf, wo Nico den ganzen bisherigen Winter darauf gewartet hatte. Nico legte sich auf den Boden und beobachtete das Ganze sehr interessiert. Seine Augen wurden immer größer und die Lichter im Raum spiegelten sich so sehr darin, dass sie aussahen, als würden sie von alleine leuchten.

Die Menschen fingen gemeinsam an den Baum mit glitzernden Dinge zu behängen und noch mehr Lichter fest zu machen. Dazwischen lachten sie immer mal wieder und der Mensch aus seiner Wohnung wischte sich mit dem Ärmel auffällig oft über das Gesicht.

Irgendwann ließ der Trubel um den Baum nach und einer nach dem anderen aus der Gruppe setzte sich auf die Couch. Bevor sein Mensch sich setzte hob er den Finger, so als hätte er gerade noch an etwas Wichtiges gedacht, und ging schnell aus dem Raum. Kurz darauf kam er mit zwei Schnüren zurück, deutete vor der Gruppe auf Nico, lachte, und band den Baum so fest, dass er nicht umfallen konnte. Dann setzte auch er sich zu den anderen auf die Couch. Wie auf ein Signal sprang Nico nach oben auf und flitzte den Baum hinauf.

Jetzt saß er da, an seinem Lieblingsort, und in seiner Katzennase hing der Geruch nach Tannennadeln. Die Menschen unter ihm fingen an zu singen.  Nico blickte von oben auf die Gruppe herab. Diesmal sang auch sein Mensch mit, er schien glücklich zu sein. Sie konnten immer noch nicht singen, diese Menschen, aber Nico störte das ausnahmsweise sehr wenig. Er saß in seinem Baum und schnurrte.


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