Luisa und der Dreck

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~5 Minuten Vorlesezeit

von Tobias Müller

 

Luisa spielte gerne an der frischen Luft und am allerliebsten im Wald in der Nähe von ihrem Haus. Deswegen waren die Klamotten, die ihre Mutter morgens noch sauber aus dem Schrank geholt hatte, ein paar Stunden später schon immer übersät mit braunen und grünen Flecken von Erde und Gras. Im Gesicht klebte Luisa oft getrockneter Schlamm und in ihren Haaren fand ihre Mutter immer wieder kleine Zweige und Blätter.

Andere Eltern wünschten sich, dass ihre Kinder mehr rausgehen würden zum Spielen und sich an der frischen Luft bewegten anstatt drinnen vorm Fernseher oder vor Videospielen zu sitzen. Bei Luisas Mama war das ganz anders, denn ihre spielwütige Tochter machte ihr sehr viel Arbeit. Nicht nur musste sie ständig Klamotten waschen, aus denen sie die ganzen Flecken schon gar nicht mehr raus bekam, sondern es war auch außerordentlich schwierig Luisa selbst überhaupt sauber zu bekommen, denn die badete überhaupt nicht gern. Doch eines Abends lernte sie zu schätzen, dass ihre Tochter so gerne im Wald spielte.

An diesem Abend waren Luisa und ihre Mutter nämlich auf dem Weg nach Hause, zuvor waren sie bei einer Freundin von Luisa zu Besuch gewesen. Der Heimweg führte sie direkt durch den Wald, in dem Luisa so gerne spielte, als ein Gewitter aufzog. Die Bäume bogen sich im Wind, weil es so stark stürmte, und im Wald war ein Höllenlärm. Man konnte Blitze am Himmel sehen, der durch die Gewitterwolken ganz dunkel war. Doch es regnete nicht. Sie gingen beide weiter, auch wenn der Wind ihnen ins Gesicht bließ, doch nach einiger Zeit blieb Luisa einfach stehen.

Komm Luisa, wir müssen nach Hause, bevor es anfängt zu regnen, sagte ihre Mutter ungeduldig. Dich stört es vielleicht nicht, nass zu werden und durch den Schlamm zu laufen, mich aber schon!

Doch Luisa bewegte sich nicht.

Was ist denn los?, fragte ihre Mutter wieder.

Luisa zeigte auf die Bäume, die sich im Sturm von links nach rechts warfen. Sie sagte:

Ich bin fast jeden Tag hier in dem Wald. Der Weg, denn Du langgehen willst, da sind die Äste ganz morsch. So morsch, dass ich beim Spielen nicht draufklettern kann. Die fallen bei dem Sturm bestimmt runter, weil sie abbrechen. Das ist gefährlich.

Schwachsinn, Luisa. Ihre Mutter wirkte genervt.  Das ist der schnellste Weg. Komm schon, wir wollen raus aus dem Gewitter! Und Luisas Mama ging los. Ihre Tochter würde ihr schon folgen, dachte sie.

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Luisas Mutter und Luisa gehen Hand in Hand durch den Wald. Illustration: Veronika Grenzebach

Als Luisas Mutter vielleicht 20 Meter gegangen war, war Luisa aber immer noch nicht an ihrer Seite. Sie drehte sich um, sah, dass Luisa sich keinen Meter bewegt hatte, und wollte sie gerade wütend rufen. Dann hörte sie ein lautes Knacken, gefolgt von einem dumpfen Knall.

Sie drehte ihren Kopf erneut. Auf dem Weg, den sie hatte entlang gehen wollen, lag jetzt ein riesiger Ast im Weg, groß und schwer. Wenn sie nicht stehen geblieben wäre und sich nach Luisa umgedreht hätte, wäre der vielleicht auf ihr gelandet. Kleinlaut ging sie zu ihrer Tochter und sagte ihr, sie sollte entscheiden, wo sie langgehen.

Luisas Weg durch den Wald führte sie über Trampelpfade, die weitaus weniger bequem zum Laufen waren als der breite Schotterweg, den sie bis vor Kurzem entlang gelaufen waren. Aber die Äste der Bäume hier waren stärker und hielten dem Sturm stand. Als es schon nicht mehr weit war und sie fast raus waren aus dem Wald, da wurde vor ihnen für den Bruchteil einer Sekunde alles taghell und ein lauter Knall ließ sie beide zeitgleich einen Meter zurückspringen. Vor ihnen hatte der Blitz eingeschlagen, nicht einmal 50 Meter entfernt. Das war heller und lauter gewesen, als Luisa es sich jemals hätte vorstellen können. Doch der Schreck war nicht das Schlimmste: Es hatte noch immer nicht geregnet. Deswegen war das Holz der Bäume trocken und der Blitz hatte ein Feuer entfacht. Der Wald vor ihnen brannte lichterloh! Luisas Mama stand der Schreck ins Gesicht geschrieben. Ihr Ziel waren hinter diesem Feuer, dort hörte der Wald auf! Doch Luisa war immer noch ganz ruhig. Sie nahm ihre Mutter bei der Hand und sagte:

Dann müssen wir halt einen anderen Weg gehen.

Sie führte ihre Mutter weg vom Feuer und wieder hinein in den Wald. Waren sie davor schon über Wege gegangen, die nicht viel mehr gewesen waren als Trampelpfade, führte Luisa die beiden jetzt mitten durch das Unterholz. Da waren Äste überall. Zweige auf Höhe ihrer Gesichter, ihrer Arme und Beine und Gestrüpp am Boden. Luisas Mama stolperte häufig und es war reines Glück, dass sie nicht hinfiel. Doch Luisa bewegte sich so sicher, als wäre sie diesen Weg schon hunderte Male gegangen. Vermutlich war sie das auch. Bald darauf waren sie plötzlich draußen aus dem Wald. Luisa ließ die Hand ihrer Mutter los und sie gingen einen normalen Gehweg entlang nach Hause.

Kurz vor der Haustür drehte sich Luisas Mama nochmal um. Man konnte den Wald sehen und auch, dass ein Teil davon noch immer brannte. Luisas Mutter schaute ihre Tochter an. Luisas Gesicht war dreckig, wie eigentlich immer. Aber ausnahmsweise störte sich ihre Mutter nicht daran. Im Gegenteil. Noch nie war sie so froh gewesen, dass ihre Tochter so gerne im dreckigen Wald spielte. Sie umarmte sie so fest sie konnte. Dann gingen die beiden gemeinsam in ihr Haus und draußen begann es zu regnen.

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