Jonas und Kokos: Der Leuchtturmwärter

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Diese Geschichte ist Teil einer losen Reihe. Das heißt jede Geschichte für sich ist abgeschlossen, aber es gibt dennoch einen größeren Zusammenhang. Der erste Teil dieser Reihe ist hier zu finden: Jonas, Kokos und das Meer

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~ 9 Minuten Vorlesezeit

von Tobias Müller

Jonas war auf vieles vorbereitet gewesen, als er seine Insel verlassen hatte. Und es war ihm klar, dass es nicht leicht sein würde, den Ozean in einer Badewanne zu durchsegeln. Doch mit einem hatte er nicht gerechnet: wie dunkel es nachts wurde.

In der ersten Nacht auf dem offenen Meer, war der Himmel noch klar gewesen und die Sterne und der Mond hatten für ein bisschen Licht auf der schwarzen Meeresoberfläche gesorgt. Doch schon in der zweiten Nacht waren Wolken aufgezogen und hatten die Sterne und den Mond verdeckt. Und nun war es nachts so dunkel, dass Jonas die eigene Hand vor Augen nicht sehen konnte.

Als er und Kokos die dritte Nacht in Folge durch absolute Dunkelheit geschippert waren, tauchte am Anfang der nächsten Nacht ein helles Licht am Horizont auf. Jonas und Kokos waren davon sehr überrascht. Sie sahen abwechselnd sich und das Licht an und freuten sich aber schließlich, dass sie etwas hatten, das sie ansteuern konnten.

Sie richteten ihr Segel aus (das noch immer aus Jonas Hemd bestand) und ließen sich auf das Licht zu treiben. Als es Jonas nicht schnell genug ging, stieß er außerdem das Paddel ins Wasser und paddelte auf das Licht zu. Schon bald konnten die Beiden erkennen, dass das Licht viel höher lag als die Meeresoberfläche – so als wäre es auf einem Berg oder in einem Turm. Trotzdem paddelte er weiter auf das Licht zu, denn dort musste es Land geben und dort konnten sie die Nacht verbringen. In der Badewanne zu schlafen war ziemlich unbequem.

Kurz bevor er das Licht erreicht hatte, riss die Wolkendecke auf und der Mond warf sein schwaches Licht auf das, was vor ihnen lag. Es war eine kleine Insel und das Licht schien tatsächlich aus einem Turm zu kommen, der auf dem höchsten Punkt der Insel in einer Art Bucht stand. Jonas steuerte nun den Strand der Insel an. Als er ihn erreichte sprang er ins knietiefe Wasser und zog die Badewanne soweit an Land, dass die Strömung sie nicht einfach wieder ins Meer zurückziehen konnte. Er war aufgeregt. Vielleicht gab es ja schon auf dieser Insel andere Gürteltiere. Eigentlich wollte er auch gleich das mysteriöse Licht erkunden, aber im Mondlicht konnte er sehen, dass Kokos so müde war, dass ihm schon beide Augen zufielen. Deswegen legte er sich mit Kokos erstmal an den Strand und schloss die Augen.

Als Jonas einige Stunden später seine Augen wieder öffnete erschrak er. Nicht, weil es bereits taghell war, sondern weil ein Gesicht so nah vor seinem Gesicht war, dass er den Atem spüren konnte. Das Gesicht war alt und gehörte einem Mann, der neben Jonas im Sand kniete und dem sowohl aus dem Kopf, aus der Nase und aus den Ohren in wuscheliges, graues Haar spross. Das Gesicht blickte Jonas sehr finster an.

Was tut Ihr hier?, fauchte der alte Mann.

Jonas war zu verschlafen um sofort zu antworten, doch Kokos schien hellwach und kletterte umgehend auf Jonas Bauch, um ihn vor dem wütenden alten Mann zu beschützen. Jonas musste lachen, wie diese kleine braune Gestalt versuchte sich groß zu machen und den vielfach größeren Mann einzuschüchtern.

Und was ist DAS? fauchte der alte Mann erneut und schaute dabei Kokos feindselig an.

Jonas war enttäuscht. Wenn der alte Mann noch nie ein Gürteltier gesehen hatte, dann gab es auf dieser Insel wohl auch keinen Freund für Kokos. Er setzte sich auf – und schmiss Kokos damit fast von seinem Bauch. Der konnte sich gerade noch an Jonas T-Shirt festhalten. Jetzt galt Kokos böser Blick nicht mehr dem alten Mann sondern Jonas. Jonas wiederum versuchte zu überwinden wie müde er war und fing an, dem fremden Mann zu erklären, warum sie hier war waren:

Wir sind dem Licht gefolgt und haben dann am Strand geschlafen. Heute wollten wir…

Ihr seid dem Licht GEFOLGT? Unterbrach ihn der alte Mann. Das Licht kommt von einem Leuchtturm. Der ist dafür da um Schiffe vor der Gefahr zu warnen, auf Land aufzulaufen. Ihr sollt dem Licht AUSWEICHEN, nicht darauf ZUFAHREN!

Der alte Mann schrie inzwischen und Jonas mochte seinen Umgangston gar nicht.

Woher wollen Sie das denn wissen?, fragte er schnippisch.

Woher ich das wissen will?, der alte Mann lachte. Jonas mochte sein Lachen nicht. Es klang nicht glücklich. Ich bin der Leuchtturmwärter. Ich wohne in dem Turm, auf dessen Licht ihr zugefahren seid! Und jetzt packt Eure Sachen zusammen und sehr zu, dass Ihr verschwindet.

Der alte Mann stand auf und lief in Richtung Leuchtturm. Jonas blieb zurück blickte auf den Boden unter seiner Hose. Was für eine enttäuschende erste Station nach so vielen Jahren auf seiner einsamen Insel. Doch eines musste er den Mann noch fragen. Er stand auf – diesmal nicht ohne Kokos vorher vorsichtig auf den Boden zu setzen – und lief dem Leuchtturmwärter hinterher.

Warten Sie! Eine Frage habe ich noch.

Der alte Mann machte keinerlei Anstalten stehen zu bleiben, doch Jonas hatte ihn bald eingeholt.

Wissen Sie, wo es Gürteltiere gibt?

Was weiß ich? Im Zoo? Er blickte Jonas nicht an, als er ihm antwortete und lief noch immer weiter auf seinen Leuchtturm zu. Doch Jonas ließ nicht locker.

Und wo finde ich ‚Zoob‘? Jonas hatte ihn schlecht verstanden, weil er in eine andere Richtung sprach.

Nicht Zoob. Zoo! Meine Güte, was bringen die euch Kindern in der Schule eigentlich bei?

Jonas sagte nicht, dass er auf keine Schule ging sondern fragte weiter nach den Gürteltieren:

Bitte. Mein Freund Kokos – der davor auf meinem Bauch saß – ist sehr einsam und deswegen sehr traurig. Wir haben uns auf die Reise gemacht um einen Artgenossen für ihn zu finden. Wo finde ich diesen Zoo?

In der Stadt natürlich. Einfach Richtung Osten. Noch immer machte der Leuchtturmwärter keinerlei Anzeichen langsamer zu gehen.

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Der Leuchtturmwärter – Illustration: Veronika Grenzebach

Und wie finde ich Osten?

Plötzlich blieb der alte Mann stehen und sah Jonas überrascht an. Hast Du keinen Kompass? Wie seid Ihr denn auf diese Insel gekommen?

Jonas wusste nicht genau was ein Kompass war. Aber an der Stimme des alten Mannes konnte er hören, dass es schlecht war, keinen zu haben.

Wir sind einfach drauflosgefahren. Irgendwo würden wir schon ankommen, dachten wir uns.

Der Leuchtturmwärter schien überrascht: Meine Güte, weißt Du wie viel Glück Ihr hattet? Es gibt sehr wenige Inseln in dieser Gegend. Ihr hättet so einfach verloren gehen können. Er musterte Jonas einmal von oben bis unten. Dann sagte er: Komm mit!

Jonas nickte, lief kurz zum Strand um Kokos zu holen, und folgte dann mit dem Gürteltier auf dem Arm dem Leuchtturmwärter in den Turm. Nach so vielen Stufen, dass Jonas Angst hatte, dass sie gar nicht mehr aufhören würden, kamen sie in einen kleinen Raum, der durch einen Herd und ein Bett nahezu vollständig ausgefüllt wurde. Es war sehr unaufgeräumt.

Wisst Ihr, ich bekomme nicht oft Besuch, sagte der Mann. Schließlich ist es ja meine Aufgabe das Licht anzumachen, damit die Leute sich von der Insel fernhalten. Und damit auch von mir.

Eine kurze Pause entstand und der Mann blickte zu Boden. Er wirkte nun auf einmal viel netter als noch unten am Strand.

Wie dem auch sei

Er ging zu einer kleinen Kommode in einer Ecke neben dem Bett, die Jonas bisher nicht aufgefallen war. Dort zog er eine Schublade heraus und wühlte darin herum. Ein paar Sekunden später sagte er Ha!, schloss seine Hand um etwas und ging zurück zu Jonas.

Mach deine Hand auf! Sagte er.

Jonas öffnete seine Hand und der Mann legte etwas Rundes hinein. Der Mann schaute ihm erwartungsvoll ins Gesicht, doch Jonas hatte keine Ahnung, was er gerade bekommen hatte.

Das ist ein Kompass, erklärte der Leuchtturmwärter. Schau hier. Er drückte einen Knopf und der Deckel des runden Geräts sprang zur Seite. Darunter war etwas, das ein bisschen aussah wie eine Uhr, bei der jemand den großen Zeiger gestohlen hatte.

Dieser Zeiger zeigt immer nach Norden, egal wie Du den Kompass hältst.

Er drehte den Kompass hin und her und tatsächlich blieb die Nadel hinter dem Glas immer an derselben Stelle stehen.

Die Stadt liegt in Richtung Osten,  fuhr der Mann mit seinen Erklärungen fort. Osten liegt immer genau rechts von Norden. Wenn du an eine Uhr denkst, dann zeigt der Zeiger quasi immer auf 12 Uhr und du musst in Richtung drei Uhr fahren. Verstehst Du das?

Jonas überlegte. Es war eine Weile her, dass er eine Uhr hatte lesen müssen. Aber nach einer Weile  konnte er es sich vorstellen.

Danke lieber Leuchtturmwärter. Das hilft uns sehr!

Der Leuchtturmwärter schaute kurz verdutzt, dann lächelte er zurück und sagte: weißt Du, ich habe lange niemanden mehr Lächeln sehen. Erneut sah er zu Boden.

Entschuldigt, dass ich etwas griesgrämig war vorhin. So wird man, wenn man über Jahre kein Lächeln sieht. Er sah auf und blickte Jonas und Kokos in die Augen.

Danke Euch, dass Ihr auf das Licht zugefahren seid und nicht davon weg! Ich glaube ich habe noch eine Limo irgendwo im Keller dieses Turms neben den ausgebrannten Glühbirnen liegen. Die können wir zur Feier des Tages trinken.

Als der Leuchtturmwärter nach unten ging um die Limo zu holen, sahen sich Jonas und Kokos kurz wissend an. Er hatte also über lange Zeit kein einziges Lächeln gesehen. Daran mussten sie etwas ändern. Und Jonas wusste auch schon was er tun musste…

Am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang stachen Jonas und Kokos wieder in See, mit neuem Proviant und einem Kompass, dank dem sie genau wussten, wohin sie wollten. Der alte Mann hatte ihnen zwar gesagt, dass ihnen noch eine lange Reise bevorstand, aber darauf hatten sie sich ohnehin eingestellt.

Der Leuchtturmwärter hatte den beiden noch lange nachgeblickt, doch als sie in der Ferne verschwunden waren und die Sonne unterging, machte er sich daran, wie jeden Abend das Licht seines Leuchtturmes anzuschalten um zu verhindern, dass Schiffe sich in die seichten Gewässern um die Insel verirrten.

Doch als er diesmal das Licht anschaltete, erlebte er eine Überraschung. Seine beiden Gäste hatten zwei Punkte und einen gebogenen Strich auf das Glas vor dem Scheinwerfer gemalt – ein lächelndes Gesicht! Sein Blick folgte dem Lichtstrahl und er sah, dass sein Scheinwerfer ein dieses Gesicht auf die Wasseroberfläche malte. Der Leuchtturmwärter lachte laut. Jahrelang hatte er kein Lächeln gesehen – und nun würde sein eigener Leuchtturm ihn jeden Abend anlächeln.


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