Jonas, Kokos und die diebischen Affen

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Diese Geschichte ist Teil einer losen Reihe. Das heißt jede Geschichte für sich ist abgeschlossen, aber es gibt dennoch einen größeren Zusammenhang. Der erste Teil dieser Reihe ist hier zu finden: Jonas, Kokos und das Meer.

~12 Minuten Vorlesezeit

von Tobias Müller

Jonas und Kokos waren inzwischen viele Tage auf ihrer Badewanne im Meer unterwegs. Sie waren immer weiter nach Osten gefahren. So wie es der Mann gesagt hatte, der ihnen den Kompass gegeben hatte. Immer wieder waren sie auf Inseln gelandet, hatten sich mit deren Bewohnern unterhalten und sich mit Proviant versorgt. Doch ein weiteres Gürteltier hatten sie noch immer nicht gefunden. Deswegen waren beiden ein bisschen traurig. Eine Sache hatte Jonas inzwischen jedoch gelernt. Es war ziemlich besonders, dass ein Kind alleine auf einer Insel lebt. Das hatten sie auf keiner der vielen Inseln gesehen, die sie besucht hatten, seitdem sie ihre Insel verlassen hatten – und jeder Erwachsene, den sie trafen, sagte Jonas, wie besonders er sei. Dabei hatte er sich nie besonders gefühlt!

Die Inseln lagen immer dichter beieinander, je weiter sie nach Osten kamen, und Jonas war sich sicher, dass bald Festland kommen musste. Und dort dann die Stadt. Doch davor mussten sie erneut eine Insel ansteuern denn sie brauchten wieder mal frischen Proviant. Also zogen sie das Hemd ein, dass sie noch immer als Segel benutzten (Kokos half, indem er die jeweils richtigen Schnüre und Hemd-Enden mit den Zähnen festhielt) und Jonas fing an, auf die nächste Insel zuzurudern.

Auf dem Strand der Insel standen Palmen und einige menschengebaute Hütten nebeneinander, das Wasser war klar und der Sand wirkte fein. Doch irgendetwas an den Hütten war seltsam. Was genau konnte Jonas nicht sagen, dafür waren sie zuweit weg. Sie ruderten nah genug an die Insel hin, bis Jonas im Wasser stehen konnte. Dann sprang er aus der Badewanne und zog sie an Land. Inzwischen war er richtig gut darin, mit dem Badewannenboot an einer Insel anzulegen. Sobald die Badewanne sicher war, sah er sich erneut um. Jetzt konnte er auch sagen, was mit den Hütten nicht stimmte: sie waren schief. Nicht so schief, dass sie bald zusammenbrachen, aber schief genug, um anders auszusehen als sie Hütten sie sie auf den anderen Inseln in dieser Gegend gesehen hatten. Doch bevor Jonas daraus irgendwelche Schlüsse ziehen konnte, kamen auch schon die ersten Bewohner aus ihren Häusern. Keiner davon war älter als Jonas.

Wo sind denn die Erwachsenen?, fragte Jonas, als die Kinder ihn erreicht hatten. Nicht, dass er nicht mit den Kindern hätte reden wollen. Aber auf den letzten Inseln hatte er festgestellt, dass immer die Erwachsenen die Entscheidungen trafen und die Proviante verteilten, die Jonas und Kokos in die Badewanne legen wollten. Die Kinder schienen sich über seine Frage nicht zu freuen. Als sie auf ihn zugekommen waren, hatten sie neugierig und freundlich gewirkt. Seitdem er nach den Erwachsenen gefragt hatte, schienen sie eingeschnappt zu sein.

Die gibt es nicht, sagte ein Junge mit dunklen, verwuschelten Haaren. Hier auf der Insel sind nur wir Kinder. Und sonst brauchen wir auch niemanden. Wo ist denn Dein Erwachsener?

Jonas zeigte auf das Gürteltier, das auf seiner Schulter saß. Vielleicht ist Kokos schon erwachsen. Ich muss zugeben, ich weiß nicht genau wie alt er ist, eines Tages ist er in einer hohlen Kokosnuss auf meine Insel geschippert. Vielleicht ist er ja schon erwachsen. Aber ansonsten reise ich alleine.

Die eingeschnappten Mienen auf den Gesichtern der anderen Kinder entspannten sich und wurden wieder netter. Zu dritt standen sie gerade um ihn herum.

Wie heißt Du?, fragte ein blonder Junge, der ein bisschen größer war als Jonas.

Jonas. Er streckte seine Hand aus, doch Kokos biss ihm beleidigt von der Schulter, auf der er saß, ins Ohrläppchen. Au, sagte Jonas und blickte überrascht zu seiner rechten Schulter. Dich habe ich doch schon vorgestellt… na gut, dann nochmal offiziell: Und das auf meiner Schulter ist Kokos, mein bester Freund.

Ich bin Hans, sagte der blonde Junge und schüttelte seine Hand.

Ich bin Philip, stellte sich der dunkelhaarige Junge vor, der etwas kleiner war als Jonas.

Das Mädchen, das bisher noch gar nichts gesagt hatte, stellte sich als letztes vor: Ich bin Amiri. Amiri hatte stark gelocktes Haar und dunkle Haut. Ihre Augen waren braun und sehr freundlich. Trotzdem wirkte sie vorsichtig. Wir haben alles hier selbst gebaut, erklärte sie. Wir machen alles selbst. Wir brauchen keine Erwachsenen.

Hans fügte hinzu: Wir sind alle von anderen Inseln abgehauen, weil uns die Erwachsenen dort schlecht behandelt haben. Jetzt leben wir hier alleine und sind glücklich so.

Jonas verstand jetzt, weshalb die Hütten schiefer waren als woanders. Die Kinder hatten sie gebaut und sich alles selbst beibringen müssen. Dafür sahen die Hütten tatsächlich sehr gut aus. Amiri rief etwas, das Jonas nicht verstand, und ungefähr ein Dutzend andere Kinder strömten aus den Hütten, manche brachten Stühle, drei trugen einen Tisch. Bald saßen alle gemeinsam am Strand an einem Tisch und Philip erklärte Jonas, dass sie selten Besuch auf der Insel hatten und immer gemeinsam feierten, wenn es denn passierte. Er, Amiri und Hans saßen um ihn herum und erklärten ihm immer wieder, was um sie herum geschah. Ein kleines Mädchen legte vor jeden eine Banane auf den Tisch. Ihre blonden Haare waren so stark gelockt, dass sie in alle Richtungen von ihrem Kopf abstanden.

Es tut mir leid, dass wir dir nichts anderes anbieten können, erklärte Amiri. Aber hier im Wald hinter dem Strand wohnen Affen und die klauen uns alles aus den Hütten, was wir zum Essen haben. Wir können nur immer wieder mal eine Staude Bananen oder Kokosnüsse von den Palmen am Strand ernten. Sonst haben wir nicht viel.

Jonas warf einen Blick auf den Wald. Palmen und dichte tropische Bäume und Büsche fingen kurz nach dem Strand und hinter den Häusern an. Er begann er die Banane zu schälen. Auch wenn es ein sehr bescheidenes Abendessen war, er freute sich sehr auf das frische Obst. Auf hoher See gab es nur wenig Bananen, weil die schnell braun und matschig wurden und man sie kurz darauf gar nicht mehr essen konnte. Auf dem Meer musste Essen lange haltbar sein.

Gerade als er in die Banane beißen wollte sah er eine kleine, graue pelzige Hand, die die Banane umklammerte – und kurz darauf war die Banane weg. Den anderen am Tisch ging es genauso: Alle Bananen wurden gleichzeitig von einem pelzigen Arm gestohlen, der wie aus dem Nichts unter dem Tisch hervorgeschossen kam. Kurz darauf sah Jonas, wie mehr als ein Dutzend kleiner Affen, keiner von ihnen größer als sein Oberschenkel, mit den erbeuteten Bananen in der Hand in Richtung Wald liefen. Ein paar liefen ihnen nach, doch einholen konnte sie niemand, bevor sie im Wald verschwanden.

diebischer affe
Ein diebischer Affe klaut eine Banane – Illustration: Veronika Grenzebach

Die Kinder, die diese Insel bewohnten, sahen nun alle sehr traurig aus. Die Affen hatten ihnen auch noch das wenige Essen gestohlen, das sie hatten. Jonas wusste, dass er ihnen helfen musste. Erst dann konnte er weiter. Doch erst einmal mussten gemeinsam ohne Abendessen ins Bett gehen.

Am nächsten Morgen erzählten Amiri Jonas und Kokos, dass sie selten in den Wald gingen. Sie hatten Angst sich zu verlaufen. Außerdem hatten sie Angst, dass es im Wald vielleicht noch gefährlichere Dinge gab, als die Affen, die ihnen das Essen klauten.

Jonas hatte keine Angst vor dem Wald. Es hatte ja schon auf seiner Insel einen Wald gegeben, auch wenn die inzwischen weit weg war und deswegen hatte er keine Angst sich zu verlaufen und an große Monster glaubte er nicht. Sollte doch etwas sehr schief laufen, und Jonas beispielsweise nicht mehr aus dem Wald herausfinden, so hatte er ja immer noch Kokos dabei. Der hatte den besten Orientierungssinn, den Jonas kannte.

Als die beiden hineingingen, um das gestohlene Essen zurückzuholen, stellte Jonas schnell fest, dass der Wald viel dichter war, als der auf seiner Insel. Dort waren vor allem Palmen gewachsen und diese hatten am Boden viel Platz zum durchgehen gelassen. Hier jedoch wuchs schon auf Bodenhöhe Gestrüpp. Dazu verhinderten dichte Blätter auf Augenhöhre, dass er weiter als zwei bis drei Meter sehen konnte.

Die diebischen Affen fand Jonas erstmal nicht, dafür stellte er schnell fest, dass viele andere Wesen in diesem Wald wohnten. Einige davon waren mehr als seltsam. Schlangen, die so rot waren, dass sie auf den riesigen grünen Blättern wirkten, als würden sie leuchten. Kleine Frösche, die in einer Gruppe zusammensaßen, wie eine Familie. Nur dass jeder Frosch eine andere Farbe hatte. Giftgrün, knallgelb, azurblau und strahlend-violett. Und nicht nur die Farben der Tiere waren besonders. Es gab auch Tiere, von denen hatte Jonas noch nie gehört. Es gab ein Tier, das hatte den Kopf und den Körperbau einer Katze, aber war komplett blau und das Fell wurde am hinteren Teil des Körpers zu grünen Federn, die es ausstrecken konnte wie ein Pfau.

Je weiter Jonas in den Wald ging, desto dichter wuchsen die Bäume über ihm. Bald kam gar kein Sonnenlicht mehr von oben. Dunkel war es trotzdem nicht, denn Glühwürmchen flogen um ihn herum und leuchteten so stark, wie er es noch nie gesehen hatte. Dazu kamen typische Waldgeräusche wie das Zwitschern von Vögeln und das Quaken von Fröschen. Aber auch hier war der Wald besonders. Denn manche Vögel zwitscherten nicht, sondern sie sangen richtige Lieder. In einer Sprache, die Jonas nicht verstand hallten die schönsten Melodien von den Bäumen. Dazu schlug eine Art Specht so kunstvoll mit seinem Schnabel gegen einen Baumstamm, dass dabei Töne entstanden, wie wenn jemand verschiedene Trommeln mit den Händen spielte.

So sehr Jonas die Umgebung um sich herum auch bewunderte, er vergaß nicht, warum er hier war. Er musste die kleinen Affen finden und den Kindern auf der Insel ihr Essen zurückbringen. Er suchte überall wo er war nach Spuren, die die Affen hinterlassen haben könnten. Lange fand er nichts, bis er in dem Blätterdach über sich einen buschigen Schwanz entdeckte, der ihn sehr an die Diebesbande von gestern Abend erinnerte.

Er folgte dem buschigen Schwanz und stieß bald auf eine große Lichtung. Was er dort sah raubte ihm den Atem. In der Mitte der Lichtung türmte sich eine Menge an Essen auf, die für Jonas beinahe unbegreiflich war. Es war ein Berg an Nahrungsmitteln. Kokosnüsse und Bananen sowie andere Lebensmittel, die bestimmt von den Kindern am Strand stammten. Dazu kamen dutzende andere Früchte, die Jonas noch nie gesehen hatte. Insgesamt genug, dass die Kinder monatelang davon leben könnten, ohne neues Obst sammeln zu müssen.

Doch der Berg an Essen war nicht das Einzige auf der Lichtung. All diese wunderlichen und faszinierenden Kreaturen, die Jonas im Wald bewundert hatte, schienen sich auch hier zu tummeln. Sie spielten miteinander. Sie rannten umeinander herum, jagten sich gegenseitig – und dazwischen sprangen die Affen umher, die hier auf der Lichtung viel weniger diebisch und gemein wirkten als noch gestern, als sie den Kindern um Hans, Philip und Amiri ihr Essen geklaut hatten. Woran lag das? Jonas hatte da einen Verdacht. Doch um ihn zu überprüfen machte er einen Schritt auf die Lichtung und ging dann auf den Berg an Obst zu.

Auf halbem Weg hatten ihn schon mehrere Affen umkreist und fingen an, an ihm hochzuklettern. Doch sie taten ihm nicht weh. Es wirkte eher so, als würden sie ihn begrüßen. Kokos machte ein paar unzufriedene Geräusche, schließlich war er sonst der Einzige, der auf Jonas herumkletterte. Aber auch zu Kokos waren die Affen freundlich. Jonas nahm eine Hand voll Obst, drehte um und ging wieder von der Lichtung in den Wald. Die Affen, die noch auf ihm herumkletterten, ließen ihn los und spielten weiter mit den anderen Waldwesen. Jonas machte sich auf den Weg zurück an den Strand. Um sich nicht zu verlaufen, ließ er sich von Kokos den Weg zeigen.

Am Strand angekommen, gab er zunächst den hungrigen Kindern ein wenig Obst. Schließlich hatte es gestern kein Abendessen gegeben. Dann fing er an zu erklären, was er erlebt hatte.

Wisst Ihr, die Affen haben selbst so viel zu essen, die brauchen Euer Essen gar nicht.

Die Kinder grummelten unzufrieden. Wenn die Affen so viel hatten, warum mussten sie ihnen dann auch noch ihr Essen wegnehmen, dachten sie sich. Jonas fuhr mit der Erklärung fort, als hätte er den Kindern die Gedanken vom Gesicht abgelesen.

Sie wollten Euch das Essen gar nicht wegnehmen, glaube ich. Ich konnte mir das Obst, dass ich Euch mitgebracht habe, einfach so nehmen. Kein Affe war böse deswegen oder hat versucht mich daran zu hindern. Sie wollten allerhöchstens mit mir spielen. Tatsächlich glaube ich, dass die Affen Euch das Essen weggenommen haben, damit ihr ihnen nachlauft und sie euch zeigen können, wo es noch mehr gibt. In dem Wald gibt es nämlich eine Lichtung, da spielen alle Waldbewohner miteinander und es gibt bergeweise Essen. Vermutlich wollten sie euch einfach kennen lernen und euch die restliche Inselgemeinschaft zeigen. Sie wussten ja nicht, dass ihr Angst vor dem Wald habt und ihnen deswegen nicht nachlaufen könnt. Kommt mit, ich zeige es euch.

Und Jonas und Kokos führten die Kinder in den Wald und als die die Wunder sahen, die ihnen bisher entgangen waren, konnten sie hinter sich viele Oohs und Aahs hören. Am größten war die Begeisterung aber, als sie die Lichtung erreichten. Die Affen warteten dort schon auf sie und begrüßten sie jeweils mit einer der Bananen, die sie ihnen erst kürzlich weggenommen hatten. Dann hatten sie alle gemeinsam ein Festmahl und die Kinder vom Strand aßen sich so satt, wie sie es seit Monaten nicht getan hatten.

Auch Jonas und Kokos ließen es sich gut gehen, wollten aber bald weiterreisen. Die Affen und die Kinder drängten sie dazu, so viel Proviant von der Lichtung mitzunehmen, wie sie tragen konnten. Als sie das Kennenlernfest verließen, ging es wieder zurück durch diesen wunderbaren Wald, der vielleicht bisher das schönste war, was sie auf ihren Reisen gesehen hatten. Jonas sah sich noch einmal um, bevor er schließlich den Wald verließ und sich auf den Weg zu ihrem Badewannen-Boot machte. Sie hatten immer noch kein weiteres Gürteltier gefunden. Aber sie hatten so viele tolle Sachen entdeckt, die es auf ihrer Insel nicht gegeben hatte. Er war froh, dass sie ihre Insel verlassen hatten.

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