Jonas, Kokos und das Meer

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Jonas, Kokos und das Meer ist Teil einer losen Reihe. Das heißt jede Geschichte für sich ist abgeschlossen, aber es gibt dennoch einen größeren Zusammenhang.

 

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~ 10 Minuten Vorlesezeit

von Tobias Müller

Jonas lebte alleine auf einer kleinen Insel mitten im Ozean. Das war ziemlich besonders, schließlich lebten nicht viele Jungen alleine auf einer Insel. Aber Jonas wusste nicht, dass er besonders war, denn er wusste nicht viel von der Welt. Und Jonas wollte auch gar nicht mehr erfahren von der Welt, denn seine Insel war sehr schön. Es gab einen Sandstrand und viele Palmen. Tatsächlich gab es so viele Palmen, dass sie in der Mitte der Insel sogar einen richtigen kleinen Wald bildeten. Und überall um die Insel herum war das Meer und türkise Wellen spülten das angenehm warme Wasser an den Strand. Jonas liebte es, im Sand zu sitzen, seine Füße vom Meer umspülen zu lassen und sich dabei anzusehen, wie die Sonne morgens auf der einen Seite der Insel aufstieg und abends auf der anderen Seite wieder unterging. Und Jonas war auch nicht einsam, wie man vielleicht denken könnte. Er hatte nämlich einen besten Freund, ein Gürteltier namens Kokos, und die beiden mochten sich sehr gern.

Eines Tages wollte Jonas in den kleinen Palmenwald auf seiner Insel gehen, um sich etwas zu essen zu holen und einen Spaziergang zu machen. Er rief nach Kokos, wie er es immer tat, wenn er sich zu einem längeren Spaziergang aufmachte – und normalerweise tauchte Kokos dann kurz danach auf seiner Seite auf und sie trotteten gemeinsam die Insel entlang. Doch an diesem Tag kam Kokos nicht. Jonas fing an Kokos zu suchen und fand das kleine braune Wesen schließlich am Strand sitzend. Kokos starrte mit seinen runden schwarzen Knopfaugen traurig auf das Meer. Er wollte sich nicht bewegen.

Weil Kokos nicht mit ihm mitgehen wollte ging Jonas alleine in den Wald und besorgte sich selbst und Kokos etwas zu essen. Bisher hatte er Kokos Laune noch immer mit Essen aufheitern können. Als er wiederkam hatte er ein wahres Festmahl für Kokos bei sich, um dessen Laune aufzubessern. Er hatte nämlich dessen Leibspeisen gefunden: eine reife Kokosnuss und viele, viele Insekten. Doch obwohl Kokos sich sonst immer auf jedes Essen stürzte, dass er sah, aß er heute gar nichts. Stattdessen saß das Gürteltier weiterhin am Strand und schaute über das blaue Wasser hinweg auf den Horizont.

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Kokos ist traurig – Illustration: Veronika Grenzebach

Jonas fing an sich Sorgen zu machen und setzte sich neben Kokos an den Strand. Zwar konnte er nicht sprechen, aber wenn man mit jemandem jahrelang auf einer kleinen Insel wohnt, dann muss man nur ein wenig Zeit mit ihm verbringen um zu wissen, was los ist. Kokos war einsam. Er hatte noch nie ein anderes Gürteltier getroffen und fragte sich, ob es dort draußen noch mehr gab wie ihn. Weil Jonas nicht wollte, dass sein bester Freund traurig war, überlegte er sich, wie er ihm helfen konnte.

Auf der Insel gab es einen Platz, den Jonas treffenderweise ‚Platz der vielen Dinge nannte‘. Hier legte er alles Spannende ab, was im Laufe der Jahre auf die Insel gespült worden war. Muscheln, Holz und bunte Algen, aber auch leere Flaschen und sogar eine Badewanne, die irgendwann einmal, kurz nach Kokos Ankunft, in einer Holzkiste angespült wurde.  Es war ein großes Durcheinander. Aber Jonas wusste genau, was er dort finden konnte. Schließlich hatte er es selbst dorthin getragen. Er wühlte sich durch die Sachen, bis er passende Formen und Farben gefunden hatte und dann fing er an zu basteln. Er fügte die einzelnen Teile zusammen, rief sich immer wieder in den Kopf wie Kokos genau aussah und suchte sich neue Teile aus dem Haufen. Konzentriert klebte er Stück an Stück mit Baumharz aneinander. Ein paar Stunden später hatte er ein Gürteltier gebastelt – aus Holz, Ästen, Algen und bunten Blättern. Jonas war stolz auf sich und lief zu Kokos an den Strand. Das würde ihn sicher aufheitern.

Und tatsächlich hörte Kokos auf, traurig auf das Meer hinaus zu starren, als Jonas die Figur in den Sand stellte. So schnell er konnte lief er zu der Skulptur hin, um sie zu erkunden. Er stupste sie an, roch an ihr und kletterte auf ihr herum. Doch schon bald hörte er auf herum zu tollen, weil er merkte, dass das neue Gürteltier nicht auf ihn reagierte und sich überhaupt nicht bewegte. Dementsprechend schnell erkannte er, dass nicht wirklich ein Artgenosse vor ihm saß. Also drehte er sich um, lief wieder langsam zurück zu seinem Platz im Sand und drehte der Skulptur den Rücken zu, um wieder auf das Meer zu schauen.

Jonas merkte natürlich schnell, dass sein Plan fehlgeschlagen war und näherte sich seinem Freund langsam, um ihn zu trösten. Aber Kokos sah Jonas nicht an und als der ihn anfassen wollte, rollte er sich sogar zu einer Kugel zusammen, wie Gürteltiere das ab und zu tun, vor allem wenn sie in Ruhe gelassen werden wollen. Doch gegenüber Jonas hatte er das noch nie gemacht

Seinem Freund ging es also nicht gut und das machte inzwischen auch Jonas sehr traurig. Es gab nur eine Lösung: Irgendwie musste er Kokos dabei helfen, einen Artgenossen zu finden. Doch wo wohnten Gürteltiere? Auf dieser Insel gab es keins außer Kokos. Jonas setzte sich an den Strand, neben ihm die hellbraune Kugel, in die sein bester Freund sich noch immer eingerollt hatte, und blickte nun selbst aufs Meer.Irgendwo dort draußen musste doch noch ein anderes Gürteltier wohnen.

Doch Jonas glaubte nicht, dass er weit genug schwimmen konnte, um ein anderes Stück Land zu erreichen, denn von seiner Insel aus konnte man nur Wasser sehen, bis zum Horizont. Und Kokos konnte überhaupt nicht schwimmen. Es gab auch keine Schwimmwesten oder ähnliche Dinge, die ihnen beim Schwimmen helfen könnten. Nachdem er eine Weile so dagesessen war und nachgedacht hatte, wusste Jonas, dass er die Insel nur mit einem Boot würde verlassen können. Aber er wusste nicht, wie man ein Floss oder ein Boot baute.

Plötzlich sprang er auf. So plötzlich, dass Kokos sogar kurz seine Schnauze aus der Kugel steckte, die er noch immer war, und ihn neugierig anblickte. Dann rannte Jonas los. Er wusste, wohin er musste: zum Platz der vielen Dinge – natürlich! Eine Sache, die er benutzen konnte, war angespült worden. Vor Jahren schon. Die Badewanne! Beinahe hätte er sie vergessen.

Am Platz angekommen machte er sich sofort ans Basteln. Er nahm er den stabilsten und geradesten Stock, den er finden konnte und stopfte ihn in den Abfluss der Badewanne. Abfluss und Stock verband er mit Baumharz und dichtete das Ganze mit Algen und mehr Baumharz ab. Einen anderen Stock band er quer an den ersten, so dass eine Art Kreuz entstand und dann band er weiteren Stock parallel darunter.  Er ging einen Meter zurück und betrachtete sein Werk. Eine knapp zwei Meter lange Badewanne, aus der zwei Querstreben herausragten. Es sah schon fast aus wie ein kleines Boot mit Mast.

Allerdings fehlte noch das Segel. Also ging er zu der kleinen Höhle, in der er jede Nacht schlief, und nahm sich dort das einzige Hemd, das er besaß und seit Jahren nicht getragen hatte, lief zurück zu der Badewanne und knöpfte das Hemd auf. Dann spannte er die Ärmel um die obere Querstange und band den unteren Teil an der unteren Stange fest. Nun hatte sein Boot ein Segel.

Als er schließlich mit dem Boot am Strand ankam (es war ganz schön anstrengend gewesen, es dorthin zu schieben!), ging die Sonne schon wieder unter, doch Kokos lag noch immer an derselben Stelle wie heute Morgen. Zwar war er nicht mehr zu einer Kugel zusammengerollt, aber dafür starrte er schon wieder auf das Meer hinaus.

Kokos! rief Jonas, als er in seiner Nähe war. Kokos reagierte nicht. Er lief von seinem frisch-gebauten Badewannenboot zu seinem Freund und kniete sich neben ihn. Ich habe uns ein Boot gebaut. Damit können wir von der Insel runter. Schau mal da drüben!

Jonas zeigte auf das Boot und war sich sicher, dass Kokos verstand. Denn der lief zu dem Boot und erkundete es. Dann lief er zu Jonas und ließ sich das erste Mal seit zwei Tagen hochheben. Jonas nahm Kokos auf dem Arm und legte sich dann gemeinsam mit ihm in den Sand. Morgen würde es losgehen, die Suche nach einem Artgenossen von Kokos. Morgen würden sie die Insel verlassen.

Sie legten sich in den Sand. Rechts von ihnen brachen sich die Wellen am Strand und sorgten für ein gleichmäßiges, sehr beruhigendes Rauschen. Das war der Strand, an den Jonas seit Jahren jeden Tag ging, um sich den Sonnenaufgang anzusehen. Den schönsten Sonnenaufgang der Welt – da war sich Jonas sicher. Er mochte seine Insel. Er war ein bisschen traurig, aber es war richtig, dass er ging. Kokos war traurig, weil es hier keine anderen Gürteltiere gab, und alleine würde er es nie schaffen, welche zu finden. In einer Freundschaft muss man sich eben gegenseitig helfen. Jonas schloss die Augen und hörte den Wellen zu, bis er einschlief.

Am nächsten Tag weckten Jonas nicht wie sonst die ersten Sonnenstrahlen, die gerade erst anfingen den Horizont orange einzufärben. Stattdessen war es Kokos, der ihn immer wieder sanft mit seiner Schnauze anstieß. Er war offensichtlich sehr aufgeregt.

Jonas traf ein paar letzte Vorbereitungen. Er warf Kokosnüsse und Wasser als Proviant für die Reise in die Badewanne und nahm sich ein großes, zurechtgeschnitztes Stück Holz als Paddel. Dann hob er Kokos hoch und legte ihn in sein besonderes Boot, das er anschließend mit ganz viel Kraft über den Sand ins Wasser schob. Als das Boot genug Wasser unter sich hatte, dass es schwamm, sprang er hinein und fing an zu paddeln. Sie kamen schnell vorwärts und bald hörte Jonas auf zu paddeln, spannte sein Hemd als Segel und überlies dem Wind die Arbeit, der sie rasch auf die aufgehende Sonne zubließ. Jonas blickte noch einmal zurück auf die kleine Insel, die so lange seine Heimat gewesen war. Vielleicht hatte er sich hier alleine wohlgefühlt, aber trotzdem war es richtig, dass er sie nun verließ. Kokos hatte ihn gebraucht.

So fuhren sie nun in den Sonnenaufgang, ein Junge, der nicht so gewöhnlich war, wie er dachte, und ein Gürteltier in seinem Arm, das seine Artgenossen suchte. Sie segelten über das Meer mit einer Badewanne als Boot und einem Hemd als Segel. Und beide wussten, dass sie bald gemeinsam große Abenteuer erleben würden.

Wollt Ihr wissen, wie es weitergeht? Hier findet Ihr ein weiteres Abenteuer von Jonas und Kokos.


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