Hanna von Löwenstein – Teil III von IV

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~ Acht Minuten Vorlesezeit

von Tobias Müller

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Nachdem Hanna mit Margarete und ihren Eltern gefrühstückt hatte, brach sie auf, um ihren Freund Jonas zu besuchen. Sein Haus war einfach zu finden denn es war viel größer als das von Margarete. Das verwirrte Hanna. Hatte Margarete nicht gesagt, Jonas hätte weniger Platz als sie? Das Haus von Jonas war zwar nicht so groß wie Hannas Schloss, aber es hatte mehrere Stockwerke und insgesamt eine beeindruckende Größe. Doch als sie sich dem Haus näherte, sah sie, dass es viele kleine Zettel gab, die von Plastik bedeckt waren und auf denen Nachnamen standen. Nicht nur einen, wie es bei Margarete der Fall gewesen war. Hanna war erstaunt. Anscheinend teilten sich all die Leute dieses Haus.

Nachdem sie den Nachnamen von Jonas gefunden und den Knopf daneben gedrückt hatte, summte die Tür und Hanna konnte sie öffnen. Jonas empfing sie dann bereits im Hausgang und führte sie zu einer Tür, auf der noch einmal sein Nachname stand. Dahinter warteten Jonas Eltern und seine Schwester und begrüßten Hanna sehr freundlich, bevor sie ihr die Wohnung zeigten. Doch diesmal ging es noch schneller als bei Margaretes Haus, denn die Wohnung war nicht groß. Es gab – neben einem kleinen Flur und Bad und Küche – ein Zimmer für Jonas, ein kleineres Zimmer für seine jüngere Schwester, ein Zimmer für seine Eltern und ein kleines Wohnzimmer. Jonas Eltern erzählten, dass das Wohnzimmer einmal größer gewesen sei, aber damit Jonas kleine Schwester ein eigenes Zimmer haben konnte, hätten sie eine zusätzliche Wand eingebaut und aus einem Zimmer zwei Zimmer gemacht. Hanna fühlte dieselbe Frage aufsteigen, wie bei Margarete. Bevor sie die Frage stellte, verbrachte sie einen schönen Tag mit Jonas Familie. Aber als sie und Jonas alleine waren, stellte sie ihre Frage:

Jonas, seid ihr arm?

Jonas reagierte wie Margarete und lachte, allerdings weniger laut.

Nein, wir sind nicht arm. Unsere Wohnung ist zwar nicht sehr groß, vor allem im Vergleich zu deinem Schloss. Aber es gibt zum Beispiel Leute, die haben gar kein Zuhause.

Hanna war schockiert, denn das hatte sie nicht gewusst. Jonas meinte, hinter den Hügeln gäbe es eine Stadt. In der lebten sehr viele Menschen, und einige davon waren so arm, dass sie sich gar keine Wohnung leisten konnten, egal wie klein oder groß.

Hanna blieb noch lange wach, nachdem Jonas schon eingeschlafen war, und dachte nach. Morgen würde sie in diese Stadt gehen und mit den Menschen reden, die so arm waren, dass sie sich nicht einmal eine Wohnung leisten konnten.

Als sie sich am nächsten Tag ihren Rucksack auf den Rücken schnallte, war sie sogar noch nervöser, als sie vor dem Verlassen des Schlossgeländes gewesen war. Sie würde weitergehen, als sie sich jemals hätte träumen lassen. Die Stadt hinter den Hügeln hatte sie von ihrem Zimmer aus nie sehen können. War diese Stadt vielleicht der gefährliche Ort, von dem ihr Vater sie gewarnt hatte?

Als Hanna die Straße in Richtung Stadt entlangging, wurde das saftige Grün der Hügel immer weniger. Das lag aber nicht daran, dass immer weniger Gras wachsen würde, sondern vor allem daran, dass die Straße an immer mehr Häusern vorbeiführte, die nun immer auch immer dichter aneinander standen. Vor diesen Häusern wuchs zwar dasselbe Gras wie auf den weiten Hügeln, aber es war eingezäunt und aus dem weiten Grün für alle wurde das kleine Grün einzelner Häuser.

Bald wurde die Straße breiter und das Grün vor den Häusern verschwand, nur ersetzt durch Bäume, die ab und an aus dem Gehweg neben der Straße wuchsen. Die Häuser waren inzwischen allesamt so groß wie das von Jonas und es standen immer mehr Namen an den Klingelschildern. Hanna fragte sich, wie viele Menschen wohl in dieser Stadt lebten, denn es reihte sich ein großes Haus an das andere.

Sie kam an einem Mann vorbei, der sehr traurig aussah. Er saß auf dem Boden auf einer löchrigen Decke. Hinter ihm lag ein Haufen zerlumpter Klamotten und neben ihm waren zwei volle Plastiktüten. Um ihn herum war alles grau wie Beton, das einzige Grün in der Umgebung war auf dem Aufdruck seiner Plastiktüten.

Hanna ging auf den Mann zu und fragte ihn das, was sie schon Margarete und Jonas gefragt hatte.

Lieber Mann, bist du arm?

Der Mann sah sie ganz überrascht an. Er wurde wohl nicht oft angesprochen. Doch nachdem sich die Überraschung ein wenig gelegt hatte, schien der Mann anzufangen über Hannas Frage nachzudenken. Die Antwort schien ihm schwer zu fallen. Irgendwann antwortete er dann aber doch:

 

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Der arme Mann aus der Stadt – Illustration: Veronika Grenzebach

Ja, ich denke, das muss man so sagen. Ich bin arm. Er zeigte auf den Haufen zerlumpter Klamotten und die vollen Plastiktüten. Das dort sind alle meine Sachen. Als er das sagte, zitterte seine tiefe Stimme kurz und er blickte zu Boden.

 

Wo ist denn dein Bett? fragte Hanna und sah sich um, als könnte sie es vielleicht gleich hinter einer Ecke entdecken.

Der Mann aber lächelte traurig und zeigte auf die löchrige Decke, auf der er saß. Hanna dachte an ihr Zimmer. Ihr Teppichboden wäre bequemer als das, was dieser Mann als Bett benutzte. Hanna wurde traurig und fragte sich, wie man so leben konnte. Doch als sie an Jonas und Margarete dachte, hatte sie noch einmal kurz Hoffnung. Denn beide waren glücklich dort, wo sie lebten, obwohl sie viel weniger hatten als Hanna. Das hatten sie zumindest gesagt. Also fragte sie den Mann:

Lebst du so, weil du es willst? Bist du gerne arm?

Jetzt lachte der Mann erstmals. Er hob seinen Kopf und schaute Hanna in ihr Gesicht.

Mein Kind, sagte er. Niemand ist gerne arm. Er lächelte nachsichtig und fügte an.
Ich kann mir leider kein Dach über dem Kopf leisten. Weißt du, dafür sehe ich bei schönem Wetter immer als erster den blauen Himmel und kann immer als erster sagen, wenn es regnet.

Er versuchte Hanna anzulächeln.

Hanna aber dachte an ihr Schloss, das im Winter warm und im Sommer angenehm kühl war. An ihren Kleiderschrank, der größer war als Jonas gesamtes Zimmer und in dem die gesamten Besitztümer des obdachlosen Mannes wohl einfach in der Masse untergegangen wären. Tränen stiegen ihr in die Augen, sie drehte sich weg und fing an zu rennen. Sie sagte dem Mann nicht Tschüss und sie sah sich auch nicht um nach der Stadt, in der Leute so arm waren, dass sie kein Zuhause hatten. Sie lief und lief, so schnell sie konnte. Ins Schloss. Zu ihrem Vater. Nach Hause.

 

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