Hanna von Löwenstein – Teil I von IV

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von Tobias Müller

~ Neun Minuten Vorlesezeit

Hanna von Löwenstein lebte auf einem Schloss. Sie lebte aber nicht vor langer Zeit und war auch keine Prinzessin oder sowas. Sie war ein ganz normales Mädchen mit Handy und Freundinnen und sie ging zur Schule. Nur eben, dass sie auf einem Schloss wohnte. Das Schloss stand auf dem größten Hügel der Gegend und deswegen hatte Hanna eine fantastische Aussicht aus ihrem Fenster. Außerdem war es so groß, dass ihre ganze Schule in einem Teil von ihrem Schloss war und dort auch locker hineinpasste. Weil ihre Freundinnen sowieso in die Schule mussten, kamen sie zum Spielen und zum Reden immer zu Hanna nach Hause und Hanna besuchte ihre Freundinnen nie. Tatsächlich hatte sie das Schloss noch nie verlassen.

Das fand Hanna aber auch gar nicht so schlimm, denn im Schloss wurde einem nie langweilig – schließlich konnte man dort sehr viele verschiedene Dinge tun. Es gab eigentlich alles, was man sich wünschen konnte. Sogar ein Kino. Doch weil das Schloss so groß war, wurden auch manche Sachen kompliziert, die eigentlich ganz einfach waren. Geburtstag feiern zum Beispiel war schwierig, weil sich immer wieder Gäste zwischen Ritterrüstungen und den Gemälden von dicken Frauen verirrten. Am Ende tauchten aber alle Kinder wieder auf – manche allerdings erst nach ein paar Wochen – und erzählten dann spannende Geschichten darüber, was sie erlebt hatten.

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Hanna blickt durch ein Schlüsselloch – Illustration: Veronika Grenzebach

Auch Hanna liebte es tagelang durch das Schloss zu streifen und Neues zu entdecken. Im Laufe der Jahre hatte sie dementsprechend auch allerhand gesehen und erlebt. Zum Beispiel gab es überall im Schloss Küchen. Und in jeder einzelnen davon wurde ständig gekocht und gebacken und gearbeitet und die Küchenhelfer und Köche gaben nur allzu gerne Besuchern wie Hanna etwas ab. Das war gut, denn das Essen dort war sehr lecker, und die Kinder, die auf Hannas Geburtstagen verloren gingen, kamen deswegen auch immer ein bisschen dicker zurück, als sie vorher waren.

Neben den Küchen gab es viele weitere spannende Dinge im Schloss. So zum Beispiel Gänge mit Decken, die so hoch waren, dass eine Giraffe darin aufrecht stehen konnte – und andere mit Decken, die so niedrig waren, dass sogar Hanna sich bücken musste um hindurch zu gehen. Es gab Geheimgänge hinter alten Bildern, und Räume, die seit Jahren niemand betreten hatte. Einmal, so erzählte Hanna immer ihren Freunden, hatte sie eine Tür geöffnet und einem ausgewachsenen Löwen direkt in die Augen geblickt! Die Tür hatte sie dann aber selbstverständlich schnell wieder geschlossen.

Doch auch wenn einem nicht langweilig wurde im Schloss, stand Hanna eines Tages in den Ferien auf, rieb sich den Schlaf aus den Augen und blickte aus ihrem Fenster auf die grünen Hügel und die Häuser, die darauf standen. Es war ein schöner Sommermorgen und sie sah die Wege, die sich zwischen den Hügeln hindurchschlängelten und die Häuser verbanden und fragte sich, wie es wohl war, darauf zu laufen. So fasste sie den Entschluss, das Schloss zu verlassen. Doch dafür müsste sie ihren Vater fragen.
Ihr Vater hieß Freiherr von Löwenstein. Warum seine Eltern ihn Freiherr genannt hatten, wusste Hanna nicht. Vermutlich weil es so mächtig klang. In jedem Fall war es ein Name, der zu ihm passte: Er war ein sehr großer, sehr bärtiger und sehr dicker Mann mit einer tiefen und kräftigen Stimme. Als Hanna ihn fragte, ob sie das Schloss verlassen dürfe, reagierte er sehr abweisend und sein dicker Bauch vibrierte, als er sagte:

Die Welt außerhalb des Schlosses? Warum das denn? Dort draußen ist es wahnsinnig gefährlich! Hast du hier drin denn nicht alles was du brauchst?

Nachdem ihr Vater das gesagt hatte, war Hanna enttäuscht und traurig. Natürlich hatte sie alles, was sie brauchte. Aber trotzdem wollte sie die Welt sehen und auch mal bei ihren Freunden zu Gast sein und diese nicht immer nur ins Schloss einladen. Die Antwort ihres Vaters gefiel ihr also gar nicht. Sie beschloss, ihn bald noch einmal zu fragen.

Am nächsten Tag vor dem Mittagessen ging Hanna von Löwenstein also erneut zu ihrem Vater und stellte ihm die gleiche Frage wie am Vortag.

Lieber Papa, warum darf ich das Schloss denn nicht verlassen? Ich möchte die Welt sehen!

Doch Freiherr von Löwenstein antwortete wieder genauso wie am Tag zuvor.

Die Welt außerhalb des Schlosses? Warum das denn? Dort draußen ist es wahnsinnig gefährlich! Hast du hier drin denn nicht alles was du brauchst?

Hanna wusste nicht was sie tun sollte und überlegte, ob ihr Vater Recht hatte. Vielleicht war die Welt wirklich zu gefährlich, um sie zu erkunden. Als sie am selben Abend mit ihren Freundinnen telefonierte, versicherten sie ihr jedoch, dass die Welt außerhalb der Schlossgründe gar nicht so gefährlich war, wie Hannas Vater sagte. Die mussten das wissen, schließlich lebten sie ja selbst dort! Also nahm Hanna von Löwenstein noch einmal allen Mut zusammen und fragte ihren Vater am nächsten Morgen ein drittes Mal, ob sie das Schloss verlassen dürfe. Schließlich habe sie mit ihren Freundinnen geredet und heutzutage sei es bestimmt viel weniger gefährlich dort draußen, als zu dem Zeitpunkt, an dem er selbst zum letzten Mal das Schloss verlassen hatte.

Das Schloss verlassen? Ich?, sagte ihr Vater. Nein, ich war noch nie dort draußen. Das ist viel zu gefährlich. Das hat mir schon mein Vater gesagt. Hier im Schloss gibt es alles, was man braucht.

Hanna machte große Augen, als ihr Vater das sagte, und sah ihn überrascht an. Dass er, der große Freiherr von Löwenstein, selbst noch nie das Schloss verlassen hatte, hätte sie nie gedacht. Wie sollte er denn wissen, ob es außerhalb des Schlosses gefährlich war, wenn er die Welt dort nie gesehen hatte? Nachdem Hanna ihn empört darauf hinwies, schwieg er eine Weile. Dann sagte er griesgrämig:

Nun gut, Hanna. Du darfst das Schloss verlassen und deine Freundinnen besuchen. Solltest du dir aber auch nur einen Kratzer holen, bleibst du danach für immer im Schloss. Und nun geh schlafen, es ist spät.

Auch das fand Hanna von Löwenstein nicht ganz fair. Ein einziger Kratzer sollte über ihr restliches Leben entscheiden? Sie wollte erneut widersprechen, machte sich aber klar, dass sie endlich die Erlaubnis ihres Vaters hatte, das Schloss zu verlassen. Das war alles was sie wollte. Sie würde schon keinen Kratzer abkriegen – und wenn doch, dann war es das Risiko sicher wert.

Am nächsten Tag wachte sie auf und sprang gleich voller Vorfreude aus dem Bett. Direkt danach rief ihre Freundin Margarete an, ob sie heute zu Hause sei und packte ihren Rucksack zum ersten Mal in ihrem Leben mit Dingen, die man brauchte, wenn man nicht zuhause übernachtete. Bald darauf durchquerte sie mit einem großen Rucksack auf dem Rücken den Schlossgarten. Sie ging vorbei an den Hecken, die zu vielen verrückten Formen geschnitten waren (eine sah zum Beispiel genauso aus wie ein Erdmännchen; eine andere wie eine dreistöckige Torte) und passierte Statuen aus Marmor, die meistens nackte Menschen ohne Arme zeigten. Dazwischen waren Brunnen, Wasserspiele, sowie ein Fußball- und ein Basketball-Feld, auf denen fast nie jemand spielte und zwischen all dem war das saftigste und grünste Gras, das Hanna kannte.

Sie blieb an dem großen, schmiedeeisernen Tor stehen, das am Ende des Geländes stand, und blickte sich noch einmal um. Der Garten hinter ihr war wunderschön. Hanna dachte an die vielen, vielen Stunden, die sie hier verbracht hatte. Ihre Freundinnen waren doch immer in diesen Garten gekommen und hatten gerne mit ihr gespielt, warum sollte sie ihn nun verlassen? Was, wenn es dort draußen wirklich so gefährlich war, wie ihr Vater gesagt hatte? Warum sollte sie ihre Gesundheit riskieren, wenn sie doch hier alles hatte, was irgendjemand jemals brauchte – und noch mehr. Das schlimmste, was dieser Garten ihr je angetan hatte, waren aufgeschlagene Knie, wenn sie mal beim Spielen hingefallen war.

Aber letztlich wandte ihren Blick nach vorne und blickte entschlossen auf die hügelige Landschaft. Sie ging einen Schritt vorwärts. Nun stand sie vor dem Tor. Sie hatte das Schloss verlassen, zum allerersten Mal in ihrem Leben.

Es war an der Zeit, dass sie ihre Freundinnen besuchte.

 

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