Elsbeth Nase

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~ elf Minuten Vorlesezeit

von Tobias Müller

Jedem, der Elsbeth sah, fiel zuerst ihre Nase auf. Das machte Sinn, denn sie hatte eine fantastische Nase. Zum einen war sie sehr groß. So groß, dass sie immer das erste war, das man von Elsbeth sah, wenn sie um eine Ecke ging. Zum anderen konnte sie damit tolle Dinge anstellen. Sie konnte damit zum Beispiel so gut riechen, dass sie immer genau sagen konnte, wo in ihrer Stadt gerade ein Kuchen gebacken wurde. Aber vor allem war Elsbeths Nase unglaublich empfindlich und das machte sie auch so gut in ihrem Beruf. Elsbeth Nase (ja, so hieß sie wirklich!) arbeitete nämlich in einer Taschentuchfabrik.

Dort wurden die weichsten Taschentücher des ganzen Landes hergestellt. Und um zu überprüfen, dass die Taschentücher immer gleich weich waren, rieb Elsbeth jedes einzelne Taschentuch an ihrer Nase, bevor es verpackt wurde. Damit fühlte sie, ob das Taschentuch auch wirklich weich genug war, um es zu verkaufen. War es das nicht, so blieb es in der Fabrik und wurde nicht verkauft. Elsbeth mochte ihre Arbeit sehr gerne und sie war oft morgens als Erste in der Fabrik und ging jeden Abend glücklich nach Hause. Und wenn sie sich abends ins Bett legte, schlief sie mit einem Lächeln ein.

Doch eines Tages kam Elsbeth in die Fabrik, und merkte gleich, dass etwas nicht stimmte. Niemand arbeitete und die Maschinen, mit denen die Taschentücher hergestellt wurden, waren weg. Die Fabrik war leer. Inmitten dieser Leere stand der Fabrikbesitzer: ein großer, dicker Mann mit Schnauzbart.

Liebe Frau Nase, es tut mir sehr leid, sagte der Fabrikbesitzer zu ihr. Doch die Fabrik, die gibt es nun nicht mehr.

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Elsbeth Nase – Illustration: Simon Hanke

Danach verließ er die Fabrik und bald folgten die ehemaligen Kollegen. Schnell blieb Elsbeth Nase alleine zurück. Sie sah sich um an dem Ort, an dem sie so viel Zeit verbracht hatte. Es gab keine unverpackten Tempos mehr, die sie an ihrer Nase reiben konnte, um sie zu prüfen. Keine Kollegen, mit denen man gemeinsam Mittag essen konnte. Nur sie selbst und Staub und Leere. Trotzdem blieb sie lange in der Fabrik und starrte still in verschiedene Richtungen. Als sie schließlich Hause ging, war es schon dunkel und als sie an diesem Abend einschlief, hatte sie das erste Mal seit Jahren kein Lächeln auf dem Gesicht.

 

Die nächsten Tage wusste Elsbeth nicht, was sie tun sollte. Es gab in ihrer Stadt keine andere Arbeit für ihre Nase und sie. Es gab zwar Arbeit für Leute mit außergewöhnlichen Nasen – zum Beispiel professionelle Eskimoküsser und Leute, die überprüften, ob die Bäckereien der Stadt frühmorgens auch ausreichend nach Brot dufteten. Doch alle diese Stellen waren alle schon seit Jahren besetzt.

Also ging sie jeden Morgen wieder zu der Fabrik, denn schließlich hatte sie das die letzten Jahre auch getan. Sie stellte sich dann vor das leere Gebäude und starrte auf ihre ehemalige Arbeitsstelle. Sie hatte sogar ein Pausenbrot dabei, das sie genau dann aß, wenn sie eigentlich Pause gehabt hätte. Allerdings ohne die Kolleginnen, die ihr früher immer Gesellschaft geleistet hatten. Vor der Fabrik stand sie alleine, und wenn es Zeit für ihren Feierabend war, ging sie nach Hause.  Das machte sie jeden Tag, für eine ganze Weile.

Eines Morgens jedoch, als sie mal wieder auf dem Weg von ihrer Wohnung zur Fabrik war, sah sie eine Katze am Straßenrand. Die Katze sah Elsbeth ganz neugierig an. Also blieb Elsbeth stehen und schaute neugierig zurück. Dann ging sie auf die Katze zu, ließ diese an ihrer Hand schnuppern und kraulte sie dann hinter den Ohren. Die Katze schien das zu mögen, denn sie fing an zu schnurren. Als Elsbeth sich nach einer Weile wieder auf den Weg zur Fabrik machte, folgte ihr die Katze und als sie an der Fabrik ankam, um davor ihren Tag zu verbringen, setzte sich die Katze neben sie. Also streichelte Elsbeth Nase die Katze weiterhin und mittags teilte sie sogar ihr Pausenbrot mit ihr. Am Abend, als Elsbeth nach Hause ging, folgte ihr auch die Katze bis an die Stelle der Straße, wo sie sich am Morgen getroffen hatten.

Am nächsten Tag stand Elsbeth Nase auf und sie war frohen Mutes, denn sie hoffte die Katze wieder zu sehen. Sie war sogar so optimistisch, dass sie in einem kleinen Laden neben ihrer Wohnung noch ein bisschen Katzenfutter kaufte. So müsste sie ihr Pausenbrot nicht wieder durch zwei teilen.

Tatsächlich saß die Katze von gestern wieder an derselben Stelle, doch diesmal hatte sie eine Freundin mitgebracht – am Wegesrand warteten zwei Katzen auf Elsbeth Nase. Wieder begrüßte sie die Katzen, indem sie beide hinter ihren Ohren kraulte. Beide Katzen schnurrten und rieben sich dankbar an Elsbeths Beinen, wie das Katzen oft tun. Und beide Katzen folgten ihr zu der Fabrik. Da sie aber nur für eine Katze Futter gekauft hatte, gab sie wieder ein bisschen was von ihrem Pausenbrot ab.

Am nächsten Tag wollte Elsbeth schlauer sein und kaufte noch mehr Katzenfutter. Doch es war schon wieder zu wenig, denn diesmal warteten vier Katzen am Wegesrand. Und am nächsten Tag acht. Und als sie tags darauf eine große Tüte voller Katzenfutter zur Fabrik trug, freute sie sich, dass ganze sechzehn Katzen auf sie warteten. Jede einzelne davon bereitete ihr so viel Freude wie die erste Katze – und die Katzen schienen auch Elsbeth Nase sehr gerne zu mögen. Die schleppte nun jeden Tag einen großen, schweren Beutel Katzenfutter zur Fabrik und freute sich trotzdem jeden Tag darauf, zur Fabrik zu gehen. Dieses Gefühl hatte sie lange nicht mehr gehabt.

Wenn sie jedoch von ihren Katzen aufblickte zur Fabrik, dann wurde ihr immer noch ein wenig schwer ums Herz. Die Fabrik zerfiel nämlich langsam, weil sich niemand um sie kümmerte: Überall war Staub. Spinnweben verklebten die Fenster. Sogar Mäuse und Ratten liefen auf dem Boden herum. Außerdem tat Elsbeth Nase sich immer schwerer damit, das Katzenfutter den ganzen Weg von ihrer Wohnung zur Fabrik zu schleppen, denn schließlich war sie auch nicht mehr die Jüngste. Und teuer war das ganze Futter auch noch. Das war auch deswegen schlecht, weil ihr Vermieter sie vor kurzem besucht hatte. Er hatte ihr gesagt, dass sie bald ausziehen muss, weil sie kein Geld verdiente. Gerade, als Elsbeth über diese Dinge nachdachte und wieder drohte, traurig zu werden, kam ihr eine Idee: Sie würde einfach in die Fabrik ziehen. Die brauchte ohnehin niemand.

Um diese Idee umzusetzen, machte sie zuerst zusammen mit den Katzen die Fabrik wieder sauber. Während Elsbeth sich besonders gut auf wohlriechende Putzmittel verstand, waren die Katzen sehr begabt darin, Mäuse und Spinnen zu jagen und mit ihrem Fell im Vorbeigehen Staub zu wischen. So verbrachten die Katzen und Elsbeth Nase nun also ihre Zeit – und bald war die Fabrik wieder sauber.

Als nächstes mussten die Sachen aus der alten Wohnung von Elsbeth in die Fabrik. Da die Katzen Elsbeth Nase inzwischen überall dorthin folgen, wo sie wollte, ging sie einfach zu ihrer Wohnung und band jeder Katze auf den Rücken, was diese tragen konnte – viel hatte Elsbeth ohnehin nie besessen. Dazu nahm sie sich immer selbst eine Sache und gemeinsam gingen sie zu ihrem neuen Zuhause, luden die Sachen ab und gingen wieder zurück in ihre Wohnung. Als letztes mussten sie gemeinsam Elsbeths Bett tragen. Das war zwar sehr schwer, aber sie schafften sie es gemeinsam, das Bett in die Fabrik zu befördern.

Als sie dort ankamen, sah Elsbeth sich in ihrem neuen Zuhause um: Sie fühlte sich sehr wohl in der Fabrik, und war glücklich, dass diese nun nicht mehr verfiel. Ihre Katzen machten Elsbeth immer noch so glücklich wie an dem Tag, als sie die erste Katze am Straßenrand getroffen hatte. Und in der Fabrik brauchten die Katzen auch weniger Futter – schließlich gingen sie zwischendurch auf Mäuse- und Rattenjagd. Elsbeth lachte und streichelte einige der sechzehn Katzen, die sich sichtlich wohl fühlten in ihrem neuen Zuhause. Ihr gemeinsames Schnurren erfüllte den ganzen großen Raum und machte ihn noch gemütlicher. Elsbeth Nase schloss die Augen und genoss diesen Moment. Auch sie fühlte sich wohl. In einem war sie sich sicher: Heute Abend würde sie wieder mit einem Lächeln einschlafen.


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