Die Gaben von Cems Vater – Teil 3 von 3

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Vorlesezeit ~ 6 Minuten

von Tobias Müller

Eine Woche nach dem Cems Vater ihm erzählt hatte, wie er an seine Gaben gekommen war, hatte Cem zum ersten Mal wieder Sportunterricht. Sie liefen erneut 50 Meter – und er war wieder der Langsamste. Zwar hatte er nach Sport noch Kunstunterricht und seine Lehrerin lobte das Bild, das er letzte Woche abgegeben hatte. Aber auch das konnte seine Laune nicht mehr bedeutend bessern. Er wollte nicht mehr so langsam laufen. Er wollte schnell sein. Also fasste er eine Entscheidung.

Jeden Tag, wenn er sich nach der Schule auf sein Fahrrad setzte, um damit heimzufahren, machte er von jetzt an einen Umweg und fuhr nicht direkt nach Hause sondern immer an einem kleinen Wald vorbei, der in der Nähe seiner Schule war. Er wollte sich auch einen Kobold fangen, um endlich schnell laufen zu können. Ob er dann auch noch ein Rätsel lösen würde, wusste er noch nicht. Aber eigentlich klang es gut, auch endlich gut reden zu können und nicht immer zu nuscheln, wenn die Lehrer ihn aufriefen.

Seine Eltern fragten sich bald, warum Cem in letzter Zeit immer später nach Hause kam als sonst und nach ein paar Tagen sprach Cems Vater ihn darauf an und fragte, was Cem denn nach der Schule macht:

Na ja, sagte Cem ehrlich. Ich versuche auch einen Kobold zu finden, um endlich so schnell laufen zu können wie du.

Cems Vater wirkte überrascht und sah seinen Sohn ernst an. Dann setzte er sich an den Küchentisch und bat Cem, sich ebenfalls hin zu setzen.

Cem, gleich vorneweg: diesen Kobold gibt es nicht. Es tut mir leid. Ich wollte dir einfach nur eine Gute-Nacht-Geschichte erzählen. Wenn ich gewusst hätte, wie sehr es dir zu schaffen macht, dass du nicht schnell genug läufst, dann hätte ich das nicht erzählt. Das habe ich falsch eingeschätzt.

Cem war enttäuscht. Er glaubte seinem Vater, dass der ihn nicht anlügen wollte, aber nun war er wieder komplett ahnungslos, wie er denn jemals so schnell und so wortgewandt wie sein Vater werden sollte. Also fragte er nochmal nach:

Und wie hast du es dann geschafft, so zu werden, wie du bist? Ich woll auch schnell sein!

Cem
Cem könnte gerne schneller laufen – Illustration: Veronika Grenzebach

Cems Vater seufzte, dann lächelte er.

Habe ich Dir je erzählt, dass ich als Kind gestottert habe?

Cem blickte ihn überrascht an und schüttelte den Kopf. Damit hatte er nicht gerechnet. Aber was hatte das mit seinen Gaben zu tun?

Nun, habe ich aber. Und zwar sehr stark. Und wenn Du stark stotterst, dann hast Du all diese Gedanken in deinem Kopf, die du aber niemandem erzählen kannst. Weil, wenn du ganz lange brauchst ein einzelnes Wort auszusprechen, wer will dann schon zuhören, wenn du viele Worte brauchst?

Ich habe eine Therapie gemacht, aber bis ich normal reden konnte hat es Jahre gedauert, so schlimm habe ich gestottert. Und in diesen Jahren habe ich ständig das Bedürfnis gehabt, Leuten Geschichten zu erzählen. Ganz einfach, weil ich es wegen dem Stottern nicht konnte. So funktioniert das ab und zu. Wenn man etwas nicht kann, will man es umso mehr. Also habe ich mir diese ganzen Geschichten ausgedacht. Dutzende Geschichten waren in meinem Kopf und ich malte mir genau aus, wie ich sie besonders toll erzählen könnte. An welchen Stellen würde ich meine Stimme heben, an welchen flüstern, an welchen eine dramatische Pause machen. Ich malte mir aus, wie diejenigen, denen ich die Geschichten erzählte, mir gebannt zuhörten, anstatt nach ein paar Worten schon ungeduldig zu werden, weil ich so viel stotterte. Wie sie mit ‚Aahs‘ und ‚Oohs‘ an den richtigen Stellen reagierten. Als ich dank der Therapie dann flüssig reden konnte, sprudelten die Geschichten dann auch einfach so aus mir heraus. Und ich war so gewohnt daran, mir Geschichten auszudenken, dass ständig neue kamen. Seitdem kann ich Geschichten so erzählen, wie du es von mir kennst.

Cem sah überrascht aus und stellte sich vor, wie sein Vater stotterte. Es fiel ihm sehr schwer. Er schaute ihn neugierig an und stellte eine Frage:

Und wie bist du so schnell geworden?

Auch hier ist die Antwort wahrscheinlich weniger spannend, als die Geschichte mit dem Kobold.

Er blickte etwas schuldbewusst drein, redete dann aber weiter.

Ich war schon immer schnell. Dazu kommt wie gesagt, dass ich schwer gestottert und mich nur wenig mit anderen Kindern unterhalten habe. Um darüber hinwegzukommen, habe ich zum einen die Geschichten erfunden. Aber das reichte nicht. Also habe ich Sport gemacht, um zumindest ein bisschen mehr Kontakt mit Kindern in meinem Alter zu bekommen.

Weil ich schon immer beim Fangen spielen einer der Schnellsten war, habe ich mit Leichtathletik angefangen, also mit Laufen. Weil ich nicht so gut darin war, mich mit den anderen Kindern zu unterhalten, habe ich wahrscheinlich einfach konzentrierter trainiert als die anderen. Außerdem war ich so oft im Training wie sonst keiner. Und weil ich davor schon schnell war, war ich bald schon der Schnellste.

Als ich dann normal reden konnte, hatte ich mich an das Training gewöhnt und freute mich daran, so schnell zu sein, dass ich einfach weitermachte. So wurde ich bald einer der schnellsten im Land und gewann sogar Meisterschaften. Aber das weißt Du ja. Der Grund dafür war also ganz langweilig die Kombination aus Talent und Training. Viel weniger spannend als ein Kobold.

Cem war enttäuscht. Heißt das, ich kann nie so schnell laufen wie Du, oder so tolle Geschichten erzählen?

Sein Vater schaute ihm in die Augen und lächelte. Cem hatte das Gefühl sein Vater wüsste mehr als er.

Vielleicht kannst du nie schnell genug laufen um an Meisterschaften teilzunehmen, vielleicht auch schon, wer weiß? Ich bin kein Hellseher. Aber ich kann dir sagen, dass es sich nicht lohnt, immer nur das zu wollen, was andere können oder haben. Das macht nicht glücklich. Ich habe dir ja gesagt wie ich so schnell geworden bin. Durch Training und durch Talent – und durch Spaß bin ich dann drangeblieben, bis ich einer der Besten war. Wenn man etwas schon kann oder es einem Spaß macht ist das eine super Vorraussetzung. Macht dir das Laufen denn Spaß?

Cem schüttelte entschieden den Kopf.

Warum willst du dann gut darin werden? Nur weil andere besser sind? Das ist ein schlechter Grund.

Er nahm das Bild, das Cem heute im Kunstunterricht mit nach Hause bekommen hatte. Als er heimgekommen war, hatte er es auf dem Küchentisch abgelegt, um es seinen Eltern zu zeigen.

Weißt du, als ich davor in die Wohnung reinkommen bin, habe ich das Bild auf dem Tisch gesehen. Das war richtig gut. Ich bin viele Jahre älter als Du und könnte das heute noch nicht so gut malen, mit meinen erwachsenen Händen.

Cem musste lächeln. Er war immer ein bisschen stolz auf sich, wenn sein Papa ihn lobte.

Macht dir malen Spaß?, fragte der ihn.

Cem nickte.

Dann gebe ich dir jetzt einen Tipp: Male. Ärger dich nicht ständig darüber, dass andere schneller sind als du oder besser reden können. Sondern freue dich über das, was du gut kannst. Und malen ist wirklich ein wunderschönes Talent. Ich wünschte heute noch ich könnte malen. Versprichst du mir das? Dass du dich auf das konzentrierst was du kannst und was dir Spaß macht – und dich nicht über das ärgerst, was du nicht kannst?

Sein Vater stand vom Küchentisch auf, umarmte Cem und lächelte ihn an.

Wer weiß, vielleicht komme ich bald auf Dich zu und frage Dich, warum du eigentlich so gut zeichnen kannst.

Dann verließ er den Raum. Cem blieb zurück – und lächelte. Er hatte schon ganz viele Ideen, was er jetzt malen wollte.

 

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