Die Gaben von Cems Vater – Teil 2 von 3

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~ 5 Minuten Vorlesezeit

von Tobias Müller

Hier geht es zu Teil 1.

 

Und Cems Vater erzählte weiter:

Nachdem mir der Kobold den Sand ins Gesicht geblasen hatte ließ ich ihn los. Warum sollte ich ihn auch noch festhalten? Er hatte mich herausgefordert ihn zu fangen und ich hatte ihn gefangen. Die Sache war erledigt – dachte ich. Er blieb aber einfach stehen und sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. Ich saß noch immer auf dem Boden, weil ich ja davor nach ihm gehechtet war, um ihn zu fangen. Nach einer Weile sagte er:

„Es gefällt mir nicht, dass Du mich einfach so gefangen hast. Das geht gegen meinen Koboldstolz! Wie wäre es mit einer zweiten Herausforderung? Einer Art Revanche sozusagen.“

 „Natürlich. Worum geht es?“, sagte ich. Im Nachhinein hätte ich wohl mehr über meine Worte nachdenken sollen, bevor ich einfach zustimme.

„Kobolde wie ich sind für zwei Dinge bekannt. Wie schnell sie trotz ihrer kleinen Beine laufen können und wie gut sie mit Worten umgehen können. Ich sag Dir also was. Ich stelle dir ein Rätsel. Kannst du es lösen puste ich dir noch einmal meinen magischen Goldstaub ins Gesicht und du bist nicht nur so schnell wie ich sondern auch genauso geschickt mit Worten. Aber wenn Du das Rätsel nicht lösen kannst, dann sind wir quitt und ich nehme auch den Zauber von dir, dass du schnell laufen kannst.“

„Das mit dem Zauber war aber nicht abgemacht! Ich will weiter schnell laufen können!“, protestierte ich. „Ich kann das doch erst seit gerade eben!“

Der Kobold lächelte verschlagen und sagte: „Zu spät. Du hast schon eingewilligt.“

Er nahm sich einen Stock und zeichnete Formen in ein Stück blanke Erde am Waldboden. Von meiner Perspektive sah es aus als würde er die Silbe ‚Lo‘ schreiben, nur mit einem seltsamen O.

Rätsel Perspektive Vater

Der Kobold sah mir ins Gesicht und freute sich sichtlich, als er meine Ahnungslosigkeit darin sah. „Na gut, weil ich so großzügig bin bekommst du einen Hinweis. Es ist ein Reim: ‚Verhalf einem Mensch zu schneller Macht, hat dem Rest nur schlechte Sicht gebracht.‘“

Ich schaute den Kobold an und war verdutzt. Was sollte das denn bedeuten? Absolut ahnungslos saß ich ihm gegenüber und starrte auf seine Zeichnung. Würde ich meine neu gewonnene Schnelligkeit verlieren, ohne sie je benutzt zu haben? Ich sah mich um und suchte verzweifelt nach einem Hinweis. Irgendetwas, das mir verraten konnte, was diese Zeichnung und der Reim zu bedeuten hatten.

Verhalf einem Mensch zu schneller Macht…

Ich kam nicht drauf. Immer hektischer sah ich mich um, suchte nach Hinweisen auf die Lösung des Rätsels, doch ich fand nichts. Ich konnte ja auch kaum was sehen. Überall standen Bäume, dicht an dicht. Dann ging mir ein Licht auf.

…hat dem Rest nur schlechte Sicht gebracht.

Ich sprang auf und sah mir das Bild von der anderen Seite an, von der der Kobold es gemalt hatte. Dann sah es so aus:

Rätsel Perspektive Kobold

Natürlich. Ich lächelte.

„Ich weiß des Rätsels Lösung,“ sagte ich. „Ich bin es. Das ist mein Weg.“

Der Kobold sah mich skeptisch an und zog die Augenbrauen nach oben.

„Ach ja? Und wie kommst du darauf?“

Doch ich ließ mich nicht beirren.

„Ich bin zunächst den Weg entlanggegangen. Geradeaus, nach Hause. Das ist der lange Strich. Dann bin ich links abgebogen, weil ich deinem Lachen gefolgt bin, in den Wald hinein. Dort habe ich dich dann gejagt, doch du bist immer nur im Kreis gelaufen, also bin ich hinter dir her ebenfalls im Kreis gelaufen. Dafür steht der Kreis. Das ging so lange, bis ich einfach stehen geblieben bin und dich so gefangen habe. Dafür steht der Punkt. Ein einzelner Punkt, unbeweglich. Ein Punkt steht auch.“

Der Gesichtsausdruck des Kobolds veränderte sich, aber er sagte nichts.

„Auch Dein Spruch macht dann Sinn, auch wenn du es sehr missverständlich ausgedrückt hast. ‚Verhalf einem Mensch zu schneller Macht…‘ Es hat mir nicht zu schneller Macht verholfen, in dem Sinne dass ich schnell mächtig wurde. Es hat mir zu SCHNELLER Macht verholfen, im Sinne, dass ich mächtig schnell wurde. Dein Goldstaub hat mich so verzaubert, dass ich schnell laufen konnte. Und der zweite Teil ging: ‚…hat dem Rest nur schlechte Sicht gebracht‘. Das bedeutet, dass jeder andere, der davor diesen Weg gegangen ist und nicht durch dich hierhin gelockt wurde, schlechter gesehen hat. Wegen der ganzen Bäume. Wenn man im dichten Wald nichts sieht außer Bäume, dann ist das eine viel schlechtere Sicht als beispielsweise auf dem Weg, von dem er gekommen ist, wo er lange geradeaus blicken konnte.“

Plötzlich fing der Kobold an zu keifen und mit den Füßen aufzustampfen wie Rumpelstilzchen. Er kreischte fast und sagt zu sich selbst:

„Das kann doch nicht sein! Ein dahergelaufenes Kind! Unwürdig!“

Ich ließ ihn keifen und zetern, denn ab und zu ist es besser, Leute in ihrer Wut nicht zu unterbrechen. Irgendwann, als ich angenommen hatte er müsste sich so langsam wundgeschrien haben, fiel sein Blick auf mich. Er wirkte fast so, als hätte er vergessen, dass ich auch da war. Dabei war er doch wegen mir so wütend. Heute glaube ich, er hatte sich in einen solchen Rausch geschrien, dass er glatt vergessen hatte, weswegen er eigentlich schrie.

Mit zusammengekniffenen Augenbrauen und noch immer stampfenden Füßen kam er aber dann doch auf mich zu, nahm seinen Hut ab und griff hinein. Kurz vor mir blieb er dann stehen und blies er den magischen Goldstaub in mein Gesicht.

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Der Kobold mit magischen Goldstaub – Illustration: Veronika Grenzebach

Diesmal musste ich tatsächlich niesen, so viel Staub war auf einmal in meinen Augen und in meiner Nase. Beim Niesen machte ich für den Bruchteil einer Sekunde meine Augen zu. Als ich sie wieder aufmachte, war der Kobold verschwunden. Aber seit diesem Tag kann ich zwei Dinge: Schnell rennen und super Geschichten erzählen.

 


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