Die Gaben von Cems Vater – Teil 1 von 3

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~ 8 Minuten Vorlesezeit

von Tobias Müller

Eines Tages kam Cem von der Schule nach Hause und war deprimiert. Heute hatten sie im Sportunterricht sprinten geübt – 50 Meter Lauf – und er war der Langsamste von allen gewesen. Sobald er zuhause war schmiss er seinen Turnbeutel auf sein Bett, legte sich daneben und schmollte.

Warum war er nicht mehr wie sein Vater? Der war schließlich groß und stark und schnell und konnte außerdem die besten Geschichten erzählen, die es gab. Cems Papa erzählte Cem fast jeden Abend vor dem Einschlafen eine Gute-Nacht-Geschichte, die er sich einfach so ausdachte und die waren so spannend erzählt, dass Cem sich richtig gut in die Geschichte reinversetzen konnte. Cem dagegen nuschelte jedes Mal wenn ein Lehrer ihn aufrief und sprach so leise, dass die Lehrer oft nachfragen mussten, was er gesagt hatte. Als sein Vater bald die Tür öffnete um Cem zu fragen, wie sein Tag war, setzte Cem sich auf, sah seinen Vater an und fragte:

Papa, du kannst so schnell laufen. Früher hast Du sogar Meisterschaften gewonnen! Außerdem erzählst du die besten Geschichten der Welt. Wie machst du das? Ich würde das auch gerne können…

Also setzte sich sein Papa an das Bett und fing an zu erzählen.

Als ich ungefähr in deinem Alter war musste ich jeden Tag einen ziemlich weiten Weg in die Schule gehen. Vorbei an vielen großen Häusern, über ein weites Feld und auch durch einen ziemlich dichten Wald. Eines Tages, als ich gerade von der Schule nach Hause ging, lief ich einen ausgetretenen Pfad durch den Wald entlang. Links von mir ertönte ein Geräusch. Es klang wie ein Kinderlachen, aber noch heller. Ich blickte mich um doch konnte nicht entdecken woher es kam. Also ging ich einen Schritt in den Wald hinein und sah mich um.

Sehen konnte ich nichts Außergewöhnliches, aber das Lachen hörte ich erneut. Also ging ich weiter in den Wald hinein. Wenn so viel gelacht wird, muss ja irgendwas Lustiges im Wald passieren, dachte ich mir. Und tatsächlich sah ich jetzt ein kleines Wesen in einem der Bäume sitzen. Es war ganz in grün gekleidet, hatte einen Zylinder auf und einen dichten, roten Bart. Es war nicht größer als ein Gartenzwerg und in der Hand hielt es eine Pfeife, gerademal so lang wie einer meiner Daumen, aber für die Verhältnisse des Männchens riesig.

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Das grüne Wesen – Illustration: Veronika Grenzebach

„Was bist du?“, fragte ich.

„Wenn du mich fängst, dann sag ichs dir!“ Sagte das Männchen und fing an zu laufen.

Nun hatten mir auch meine Eltern gesagt, niemals mit Fremden mitzugehen oder ihnen hinterherzulaufen. Und was ich gemacht habe war auch dumm, denn mit Fremden geht man nunmal nicht mit, egal wie groß sie sind. Aber damals hatte ich keine Angst, denn der Fremde ging mir ja gerade mal bis zum Schienbein was sollte der denn Böses tun? Ich lief ihm nach und versuchte ihn zu fangen.

Dafür, dass der Wicht so kurze Beine hatte, war er aber erstaunlich schnell, sag ich dir! Tatsächlich war er sogar schneller als ich und machte sich einen Spaß daraus, mir immer eine Nasenspitze voraus zu sein. Er schlug Haken und schwang sich um die dünnen Stämme junger Bäume wie ein Akrobat. Schon nach kurzer Zeit war ich außer Atem und der kleine grüne Wicht blieb stehen um sich über mich lustig zu machen. Aber du kennst mich: ich bin stolz. Ich lief wieder los und versuchte ihn zu fangen. Aber erneut lief er weg und erneut war er schneller als ich.

Doch diesmal fiel mir etwas auf: Seine Bewegungen folgten einem Muster. Er schlug immer einen Haken nach links, dann einen Haken nach rechts und dann eine Schwingung an einem Baum, durch die er sich um 180° drehte, also letztlich wieder in die Gegenrichtung lief. Dadurch, dass ich immer knapp hinter ihm war, war mir das anfangs nicht aufgefallen. Ich lief ihm einfach nur nach. Links, rechts, umdrehen.

Nachdem mir das Muster aufgefallen war, blieb ich einfach stehen, als er seinen Haken nach links schlug. Das Männchen lief weiter und schlug einen Haken nach rechts. Ich passte meine Position ein bisschen an, lief ihm aber immer noch nicht hinterher. Er merkte es nicht. Dann griff er mit beiden Händen einen jungen Baumstamm, schwang sich um 180 Grad herum – und lief jetzt direkt auf mich zu! Als ihm auffiel, dass ich stehen geblieben war und er einen Fehler gemacht hatte, war es schon zu spät. Ich sprang nach vorne und hielt ihn mit beiden Händen fest.

Ich lachte. „Ich hab‘ dich! Jetzt musst du mir auch sagen was du bist!“

Der Wicht grummelte wütend bevor er antwortete:

„Ich bin ein Kobold. Und ich kann zaubern.“

„Wirklich? Zaubern?“, fragte das ungläubige Kind, das ich damals war.

„Ja, zaubern.“ Der Kobold war nun weniger grummelig. Er schien sich sehr über das Interesse von mir an ihm zu freuen. „Und tatsächlich ist es so, dass du das gleich merken wirst. Denn jeder, der es schafft, einen davonlaufenden Kobold zu fangen, wird so verzaubert, dass er immer so schnell laufen kann wie ein Kobold.

Und da nahm der Kobold seinen grünen Zylinder ab, griff hinein und als er seine Hand herausholte war sie voll mit golden-glitzerndem Pulver. Das pustete er mir so fest ins Gesicht, dass ich fast niesen musste.

Und seitdem kann ich so schnell laufen, wie ich heute auch laufen kann.

Cem sah seinen Vater voller Bewunderung an. So war er also so schnell geworden.

Und was ist mit dem Geschichten erzählen?

Sein Papa lächelte und sagte Die Geschichte geht noch weiter.

Hier geht es zu Teil 2.


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