Hanna von Löwenstein – Teil IV von IV

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~ Sieben Minuten Vorlesezeit

von Tobias Müller

Freiherr von Löwenstein war sehr erleichtert, als er vom Pförtner hörte, dass seine Tochter zurück ins Schloss gelaufen war. Nach einer Weile wunderte er sich jedoch sehr, dass sie noch immer nicht zu ihm gekommen war, um Hallo zu sagen und ihm von der Reise zu erzählen. Also fing er an sie zu suchen. Zunächst suchte er sie im Garten, weil das Wetter so schön war, dann in ihrer Lieblingsküche (dort gab es den besten Grießbrei des ganzen Landes) und schließlich ging er hinauf zu ihrem Zimmer. Dort lag ihr Rucksack vor der Tür und Freiherr öffnete die Tür und war gespannt auf die Geschichten, die seine Tochter ihm erzählen würde. Doch als er die Tür zu ihrem Zimmer öffnete lag Hanna von Löwenstein auf ihrem Bett und weinte. Sie weinte so stark, dass sie sogar schluchzte. Das machte auch Freiherr sehr traurig.
Zunächst war er sich sicher, dass ihr etwas Schlimmes zugestoßen sein musste und bereute es sofort, dass er ihr erlaubt hatte, das Schloss zu verlassen. Doch nun musste er erst einmal seine Tochter trösten. Also setzte er sich zu ihr ans Bett und nahm sie in den Arm, so gut er es konnte. Lange sprachen sie kein Wort. Irgendwann durchbrach Hanna die Stille und fragte:
Papa, wusstest du, dass es Menschen gibt, die so arm sind, dass sie nichts haben außer ein paar Plastiktüten? Nicht einmal eine Wohnung haben die Menschen in der Stadt!
In der Stadt? antwortete Hannas Vater. Da bist du aber ganz schön weit gekommen! Ist es dort nicht gefährlich?
Hanna sagte ihm, dass die Welt viel weniger gefährlich sei, als er ihr das immer erzählte hatte. Dafür aber auch viel ärmer. Und dann erzählte sie ihm von Margarete, deren Haus so viel kleiner war als ihr Schloss, und von Jonas, der auf noch viel engerem Raum wohnte als Margarete. Und von dem Mann in der Stadt, der jede Nacht auf einer löchrigen Decke schlief und dessen gesamter Besitz in zwei Plastiktüten passte.
Freiherr von Löwenstein war zunächst erleichtert, dass seiner Tochter nichts zugestoßen war. Trotzdem tat es ihm weh, Hanna so traurig zu sehen und er beschloss etwas dagegen zu tun. Er überlegte, was es für Möglichkeiten gab und als Hanna schließlich erschöpft von der weiten Reise in seinen Armen einschlief, wusste er, was er zu tun hatte: Er würde das erste Mal in seinem Leben das Schlossgelände verlassen!
Am nächsten Tag wachte Hanna von Löwenstein spät auf. Sie blickte aus dem Fenster und die Sonne stand so hoch, dass es schon beinahe Mittag sein musste. Sie rieb sich die Augen und verließ ihr Bett. Sie schaute hinein in ihr geräumiges und gemütliches Zimmer und fragte sich, wie wohl der Mann aus der Stadt letzte Nacht geschlafen hatte. Hatte es vielleicht geregnet? Sie konnte es nicht sagen, denn ihr Zimmer war natürlich trocken wie immer. Sie war traurig und verließ das Zimmer, um sich bei ihrer liebsten Schlossküche ein Frühstück zu holen Sie hatte seit einer gefühlten Ewigkeit nichts gegessen. Und der Grießbrei dort hatte schon so manche Traurigkeit vertrieben – auch wenn er heute Wunder wirken müsste. Zielstrebig nahm sie nach ihrem Zimmer die erste Tür links, dann die zweite Tür rechts, ging ein paar Treppen hinab bis sie auf der rechten Seite eine unscheinbare Tür in ein anderes Treppenhaus öffnete und sich von dort aus weiter den Weg durch das Schloss bahnte. Sie wusste genau, wie man von ihrem Zimmer aus am Schnellsten zu ihrer Lieblingsküche kam.

 

 

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Eine Schüssel Milchreis – Illustration Veronika Grenzebach

Als sie den Flur zur Schlossküche erreicht hatte, sah sie jedoch etwas, das sie nicht erwartet hatte. Da stand er vor ihr, der Mann aus der Stadt. Der Mann, der auf der löchrigen Decke wohnte. Hier, in ihrem Schloss, in der Nähe ihrer liebsten Küche, zwischen Ritterrüstungen und edlen Teppichen. Er trug dieselben Klamotten wie am Vortag, aber sie wirkten viel sauberer. In der Hand hielt er eine Schüssel, die nach Milchreis duftete.
Hallo, kleines Mädchen. Sagte er zu Hanna in seiner tiefen Stimme.
Hanna war schon lange kein kleines Mädchen mehr und hasste es eigentlich, wenn die Leute sie so nannten. Doch den Mann wieder zu sehen und zu wissen, dass es ihm gut ging, machte sie glücklich. Glücklich genug, um zu ignorieren, dass er sie kleines Mädchen genannt hatte. Doch was machte er überhaupt hier? Hanna schaute ihn verwirrt an und wusste nicht, was sie sagen sollte.
Du heißt Hanna, oder? fuhr der Mann fort. Das haben mir die netten Leute in der Küche verraten. Wir konnten uns ja nicht näher kennen lernen, weil du auf einmal weggelaufen bist…
Hanna blickte verschämt zu Boden. Sie hatte ihn nicht mal nach seinem Namen gefragt, bevor sie weggelaufen war.
Ich bin Lion!, sagte der Mann, bevor Hanna nachfragen konnte. Er streckte ihr die Hand entgegen, in der er keinen Milchreis hielt, und Hanna schüttelte sie.
Ich bin Hanna, sagte sie. Und dann fing Lion an zu erzählen, warum er überhaupt hier war:
Bald nachdem du weg warst, ist ein Mann in meine Straße gekommen. Groß und dick war der Mann. Man hat sofort gesehen, dass er nicht aus der Stadt ist und er hat irgendwie verloren gewirkt. Vielleicht sogar verwirrt. So als wäre alles um ihn total neu. Sobald er aber meine Decke gesehen hat, sind seine Augen ganz groß geworden und er hat mich gefragt, ob ich ein kleines Mädchen getroffen habe. Natürlich habe ich mich an dich erinnert, war ja nicht lange her, unsere Begegnung, und wir haben uns ein bisschen über dich und deine Reise unterhalten und dann über mich und wo, oder wie, ich so wohne. Und dann, plötzlich, hat er mich gefragt, ob ich mit auf sein Schloss kommen möchte. Aber nicht nur mich hat er gefragt, sondern auch alle anderen Menschen in der Stadt, die keine Wohnung haben! Zu allen ist der dicke große Mann – von dem ich bald erfahren habe, dass er dein Vater ist – hingegangen und hat sie auf das Schloss eingeladen. Er sagte, das Schloss sei so groß, dass ihr manche Gebäudeteile Monate lang nicht betretet und das wäre ja schließlich Verschwendung. Deswegen lässt er uns jetzt hier wohnen. Jeder hat sogar sein eigenes Zimmer!
Hanna von Löwenstein blickte Lion ins Gesicht und fing an zu lachen. Dann machte sie plötzlich einen Sprung nach vorne und umarmte Lion. Bald lachte auch er. Sein Lachen war rau und tief und sein ganzer Körper vibrierte, wenn er lachte. Man spürte, dass er gerne lachte, auch wenn er es vielleicht nicht oft tat.
Als Hanna ihn wieder losgelassen hatte, tauchte er einen Löffel in seine Schüssel und schob sich so viel Milchreis in den Mund, wie auf den Löffel passte. Als er anfing zu kauen, schloss er die Augen vor Genuss.
Das ist wirklich gut! sagte er. Ich habe mich heute in der Früh ein wenig im Schloss umgeschaut und die netten Leute aus der Küche haben mir eine Schüssel Milchreis gegeben. Einfach so!
Hanna wollte ihm sagen, dass es ganz viele Küchen in diesem riesigen Schloss gab, dass sie dort immer Essen hatten und dass das ganze Schloss so groß war, dass man Jahre brauchte um es zu erkunden. Außerdem, dass sie sich wahnsinnig freute ihn zu sehen und natürlich, dass der Grießbrei noch viel besser war als der Milchreis – aber sie wusste gar nicht wo sie anfangen sollte. Stattdessen lächelte sie noch ein wenig breiter als ohnehin schon. Das Schloss und seine Größe waren ihr noch nie so sinnvoll vorgekommen wie in diesem Moment.
Jetzt musste sie aber erstmal ihren Vater suchen. Denn auch er hatte eine dicke Umarmung verdient.


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